Samstag, 10. Juli 2010

Die Anstrengung, Mensch zu sein

Ja, es ist anstrengend, "Mensch zu sein". Jeanne Hersch, Genfer Philosophin und Schülerin von Jaspers und Heidegger, provozierte oftmals mit ihren Thesen und sorgte dabei für rote Köpfe. Nächsten Dienstag wäre sie 100 Jahre alt geworden (sie starb vor 10 Jahren in Genf). Heute Morgen habe ich folgende Sätze von ihr aufgeschnappt, ich unterstreiche sie in meinem Kopf gleich doppelt und mit roter Farbe (aus einem Referat aus dem Jahr 1995):

Pflicht, ein wirklicher Mensch zu werden: wer hat je versprochen, dass Mensch sein leicht ist? In unserer Zeit hat eine Mehrheit von Menschen das Gefühl, sie hätten ein Recht darauf, nicht zu leiden, keine Probleme zu haben (...). Wer hat das je versprochen? (...) Niemand hat uns das versprochen (...). Es ist so, Mensch sein ist schwierig (...). Ich weiss nicht, warum wir dieses Gefühl haben, dass wir ein Recht auf Leichtigkeit hätten. Wir haben kein Recht darauf (...). Wenn wir nicht fähig sind, die Beschwerlichkeit unserer Existenz anzunehmen, dann verdoppeln sie sich (...). Mensch sein heisst, seine Freiheit zu üben an dem, was man so schwer erträgt".

Jeanne Hersch provoziert auch mich - ich reibe mich an ihren Texten. Sie hat ja Recht, das Leben ist kein Spaziergang. Wir sind unterwegs und müssen manches Unwetter in Kauf nehmen, manchen Sturm durchlaufen, manche Probe bestehen. Nur dann wachsen wir. Das versuche ich auch meinem Kind beizubringen.

Aber ich bin auch widersprüchlich und rebelliere gleichzeitig gegen diese Vorstellung, ich will das ganze Leben, will auch unbeschwert leben und lieben können, will mich spüren und, ach, auch so etwas wie glücklich sein. Ja, ich suche nach dem "donnernden Leben" (Biermann), will aufbrechen und meine Sehnsucht voller Ungeduld stillen. Jetzt, sofort.

Tröstlich ist, dass ich widersprüchlich sein darf, denn dies gehört ebenso zum Mensch sein.

Kommentare:

  1. Hach Peter, das hat Frau Hersch aber schön gesagt.
    Und ich verstehe jeden, der sagt: Ist mir doch egal. Ich will aber, dass es einfach ist. Und ich will glücklich sein. Und ich will unbeschwert sein und frei sein und und und. Da spricht unser trotziges Kind in uns drin. Das will gepampert werden.
    Und gelegentlich übernimmt unser innerer kleiner Buddha (geht auch mit Gott oder anderen Glaubensformen) die Führung und akzeptiert still, gelassen, freundlich die Dinge, wie sie sind. Er fügt sich nicht, sondern geht einfach seinen Weg ist und lässt sein. Er ist ganz bei sich und hat es einfach nicht nötig, sich aufzuregen. Und auf einmal erreichen wir für einen Moment dass, wonach unser trotziges Kind so laut schreit. Wir sind froh, glücklich, zufrieden, ruhen in uns selbst und alles ist gut.
    Naja ... und meistens geht es dann von vorne wieder los.
    LG mayarosa

    AntwortenLöschen
  2. Auweia, die Hitze hat meine Rechtschreibung angebrannt: Es muss heißen: "seinen Weg, ist und ..." und "...Moment das, wonach...". Sorry, schiebe alles auf die Hitze ;-)

    AntwortenLöschen
  3. @Mayarosa: so hatte ich Dich ja auch verstanden :-).
    Ja, die Hitze !!
    LG, Peter

    AntwortenLöschen