Heute Abend habe ich etwas zu tief ins Glas geschaut. Betrunken bin ich nicht, aber leicht beschwipst. Die Mutter meiner Tochter und ich haben den Abend auf dem Balkon verbracht, mit Blick auf die ruhige und doch so lebendige Quartierstrasse. Auf dem Tisch: Pizza und Salat, dazu einen Sizilianer. Gespräche über Sentimentalität. Wir einigen uns darauf, dass Sentimentalität dann vorherrscht, wenn Gefühle zur objektiven, d.h. zur gültigen und unumstösslichen Wahrheit erklärt werden. Und wir kommen zum Schluss, dass im individuellen Befolgen von Moral auch viel Unmoralisches vorhanden sein kann.
Und immer wieder schallendes Gelächter.
Nun bin ich wieder zu Hause, die Tochter schläft heute bei der Mama, weil es dort einen lustigen DVD-Film zu sehen gibt. Nun gut, ich muss noch arbeiten und bügeln und lesen. Stimmung: ausgelassen, umrahmt von einer tragenden Sehnsucht. Zum Bügeln brauche ich Musik, die mich antreibt. Ich glaube, fündig geworden zu sein.
Es ist nicht einfach, den "Neuanfang" zu wagen - beruflich wie privat. Man trennt sich nur ungerne von dem, was man kennt. Das Unbekannte macht Angst, mindestens löst es Skepsis aus, oftmals Abwehr. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht, wie wahr. Selbstredend bin auch ich Gefangener meines eigenen Gefängnisses und zaudere, einen beruflichen Neuanfang zu wagen. Zweifel beherrschen mich und führen zeitweise zu nächtlicher Schlaflosigkeit. Ich bin Gefangener meiner eigenen Wahrnehmung, ja ich kenne nur das, was ich sehe, vermeintlich sehe. Offenbar bin ich durch und durch Schweizer, ich könnte auch schreiben: Europäer. Amerikaner haben da weniger Skrupel, sie sind, historisch und kulturell bedingt, zweifelsohne mutiger als wir und bereit, (wirtschaftliche) Risiken auf sich zu nehmen. Sie können "mal oben", dann wenig später auch "ganz unten" sein und erachten dies nicht als Schicksalsschlag. Ich bin weit davon entfernt, amerikanische Zustände für Europa herbeizusehnen. Aber "etwas mehr Amerika" -damit meine ich: mehr Mut zum individuellen Risiko- täte uns allen gut.
Mit Bange stelle ich fest, dass ich so etwas wie saturiert bin, und dieser Zustand führt zu Bequemlichkeit und Ängstlichkeit. Ich trage einen Kampf mit mir selber aus, kämpfe gegen innere Widerstände und Ängste.
Ich weiss aber sehr wohl: nur wer kriecht, stolpert nicht.
Nachtrag
Irgendwie passend zu meiner aktuellen Stimmung, kurz vor dem Sprung ins kühle Nass im nahe gelegenen Freibad
Die Kleine schläft seit zwei Stunden friedlich vor sich hin. Ich geniesse an diesem Abend die Stille und die Musik von Billy Joel, der mich seit meiner Jugend begleitet, seine Songs rufen in mir viele Erinnerungen hervor. Nein, sentimental werde ich nicht, nur etwas melancholisch. Ich hüte mich aber davor, die Jugendjahre zu verklären. Was ich mir aber wünsche ist, jene Unbeschwertheit, die ich damals empfand, wieder vermehrt im Alltag gegenwärtig werden zu lassen.
Wenn mich die Sehnsucht packt, höre ich meistens Musik, heute Abend ist es Billy Joel, den ich für mich neu entdecke, ich finde, mit zunehmendem Alter wird er immer ausdrucksstärker.