Samstag, 12. November 2011

Versunken in Empfindungen

Brief des 16. Juni von Werther zur ersten Begegnung mit Lotte:

Wir traten ans Fenster. Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand, auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige, und sagte - Klopstock! - Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoss.

Werther musste wohl deshalb scheitern, weil die Welt nicht aus blossen Empfindungen funktioniert.

Kommentare:

  1. Werther ist darum gescheitert, weil er ein narzisstischer eitler Typ war.

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  2. Kühne Aussagen, werter Herr Castorp

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  3. Ich habe viel über Narzissmus gelesen. Bringe das mit dem jungen Werther nicht ganz zusammen. Aber es ist lange her, dass ich ihn las. Peter, du schaffst es noch, dass ich ihn wieder lese. :-)

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  4. wenn ich das schaffe: gut so :-))

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  5. Werther verliebt sich in diejenige Frau, die im gleichen Moment das gleiche empfindet wie er. Also eigentlich ein zweiter Werther, nur weiblich. Das nenne ich - kühn meinetwegen - Narzissmus.

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  6. Werther verliebt sich nicht in irgendwelche Frauen, die für ihn dasselbe empfinden, sondern in Lotte. Und Lotte ist unerreichbar für ihn, aus gesellschaftlichen Konventionen. Ich sehe beim besten Willen nicht, weshalb man da von Narzissmus sprechen kann.

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  7. sie funktioniert vielleicht nicht - aber einer Welt der Empfindungen ist eine sehr gehaltvolle - nicht besonders Realistisch, doch wenn so empfunden sehr real. Da kann die Realität schon sehr knallhart sein. Ich weiss nicht ob man empfundene Liebe und reale Liebe so richtig vergleichen kann. Hab Werther nie gelesen - aber in einer Welt der Empfindungen gelebt

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