Montag, 12. April 2010

Über das Vertraute

Paare bleiben in einer Beziehung, weil das Vertraute berechenbar ist. Das Ungewisse wird mit einem Unbehagen betrachtet. Ich denke viel über diese beiden Sätze an, sie provozieren mich in einem positiven Sinne, sie treiben mich an, darüber nachzudenken.

Das Vertraute ist berechenbar: warum ist es denn berechenbar? Weil die Partner voneinander wissen, welche „Knöpfe“ sie jeweils betätigen müssen, um beim anderen dieses oder jenes Gefühl auszulösen (Angst, Freude, Langeweile etc.)? Das Vertraute wäre so gesehen Ausdruck einer Routine, ich habe bei meinem Partner grundsätzlich nichts Neues zu entdecken (und er nicht bei mir), das Bild, das ich mir von ihm mache, ist komplettiert, erstarrt, konserviert. Das Du wird in diesem Kontext zu einem Kumpel, gewiss zu einem lieben Menschen (das ist ja schon viel), aber nicht zu einem umfassenden Du, das uns erkennt, trägt und uns in unserer Entwicklung –emotional, intellektuell, auch in sinnlich-erotischer Hinsicht- weiterführt. Wenn Paare zusammen bleiben aus einer solchen Vertrautheit heraus, deren Basis die Routine ist, die keine Geheimnisse mehr beinhaltet, die kaum Platz zulässt für mythische Augenblicke der Zweisamkeit, wenn das Gespräch sich bloss um den Alltag dreht (im Sinne von: soll ich den Abfallsack heute heruntertragen und: im Aldi gibt es heute eine Aktion, ich besorge sie uns), wenn bei Abwesenheit des Partners ein Vermissen sich nicht einstellt und seine Wärme nicht spürbar ist (selbst dann nicht, wenn er anwesend ist), wenn auch der Beischlaf zur Routine wird und der schnelle (und vorzüglich eigene!) Orgasmus im Vordergrund steht, ja wenn der Zauber des Augenblicks ausbleibt, dann ist diese Vertrautheit eine erstarrte Vertrautheit, eine administrierte Vertrautheit, einem Verwaltungsakt gleichzusetzen, dem jede sinnliche Basis abhanden gekommen ist. Der gegenseitige Kuss mutiert –auch er- zur Routine, verkommt zu einem mechanischen Akt.

Vertrautheit kann auch in einem anderen Sinne verstanden werden, wenn nämlich Vertrautheit mit Heimat gleichgesetzt werden kann, Heimat im umfassenden Sinn verstanden, d.h. die gemeinsame Schnittmenge der Gefühls- und Gedankenwelt müsste zwar nicht deckungsgleich sein, aber doch in einem hohen Ausmass übereinstimmend. Wenn Paare aus dieser Vertrautheit heraus zusammen bleiben, ist dies ein Geschenk und die Basis einer dauerhaften und dynamischen Beziehung. Oder mit einem Bild gesagt: wenn der eine eine Melodie zu singen beginnt und der andere diese fortführt, ohne die Melodie zuvor gehört zu haben, aber intuitiv führt er sie fort, und wenn daraus sich ein harmonisches Duett entwickelt, dann muss es sich dabei um Liebe - in einem umfassenden Sinne verstanden - handeln.

Wohlgemerkt: ich bin nicht naiv und gehe nicht davon aus, dass Schmetterlinge ständig ausfliegen. Auch sie haben ihre Pausen und Zyklen, aber ich gehe davon aus, dass sie immer wieder aufs Neue ausfliegen, sonst wäre unsere Welt um einiges ärmer. Es geht um Vertrautheit in einem umfassenden Sinn verstanden, die Neues zulässt, Überraschendes, noch-nie-da-gewesenes, als Individuen und als Paar. Dann schaffen wir ein Biotop, in dem sich die Schmetterlinge wohl und glücklich fühlen.

Beim Schreiben dieser Zeilen denke ich an autum und seinen Blog, ich denke aber auch an mich selbst und an eine zauberhafte Begegnung.

Warum löst das Ungewisse Unbehagen aus? Darüber will ich später schreiben.

Kommentare:

  1. Deine Worte berühren mich sehr, Peter. Schon bevor du mich erwähntest, dachte ich wohl, du meintest mich mit deinen Worten. Mir zog es durch den Bauch, als ich die Bestätigung las. Danke, dass du dir Gedanken um mich machst.
    Ich glaube, ich werde ein wenig mehr über meine Frau und mich schreiben.
    Ich bin sehr gespannt, was da noch von dir kommt. Scheinbar wartet da was.
    Lieben Gruß
    autum

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  2. @autum, danke für Deine Worte. Es geht um Dich, ja, und es geht auch um mich und um eine absolut neue Erfahrung, die mich sehr stark berührt.

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  3. Ich bin gespannt, was da noch von dir kommt. Es hört sich bei dir sehr optimistisch und hoffnungsvoll an.

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