Freitag, 18. Oktober 2013

Von Nähe und Distanz im Internetzeitalter



Wenn vor 25 Jahren eine Beziehung –aus welchen Gründen auch immer- in die Brüche ging, konnte die Distanz –räumlich und damit auch emotional- zur einst geliebten Person relativ gut eingehalten werden. Da steckte das Internet noch in den Kinderschuhen, es gab es kein Facebook und keine Blogs und kein whatsapp, aus dem etwa hervorgeht, ob er oder sie gerade online ist. Heute tue ich mir zeitweise schwer damit, obwohl oder gerade weil auch ich die sozialen Medien nutze: es braucht Disziplin, um nicht die Facebookseite anzuklicken, aus der die jüngsten Statusmeldungen und Fotoaufnahmen (Hallo, bin gerade in Paris!) gelesen bzw. gesehen werden können. Früher gab es noch nicht das grün aufleuchtende Lämpchen auf dem Bildschirm, das bewusst verriet, ob die besagte Person gerade online und damit potenziell ansprechbar bzw. „anschreibbar“ ist. Wer kann da widerstehen und surfend nur noch weiterziehen?

Ich frage mich, wie es ist, wenn nach einer Trennung das einstige Paar nach wie vor Nachbarn sind, Türe an Türe. Dann sehen, ja hören sie gar alles voneinander, fast alles: wer kommt, wer geht, wann jemand kommt, wann jemand geht. Wie wäre unter solchen Bedingungen ein Alltagsleben noch möglich, wenn abends die Schritte des immer noch geliebten Menschen zu hören sind? Jene Schritte, jenes Kommen und Gehen können über die sozialen Medien auch wahrgenommen werden, vielleicht gar noch unmittelbarer als in der analogen Welt, und dennoch sind sie bloss Chimären und suggerieren Nähe, die gar nicht da ist. Und doch kann, nein : ist jene suggerierte Nähe grausamer als die reale, indem die Statusmeldungen, Fotos und ins Netz gestellte Videos so sehr ins Persönliche gehen können, wie es in der realen Welt nicht möglich ist, es sei denn, man öffne permanent die Wohnungstür und lasse die Blicke bis in das Schlafzimmer schweifen etwa mit der lustigen Frage: Hallo, wie gefällt dir meine neue Bettwäsche?

Man möge mir jetzt zurufen: ach, dann lass doch die Finger von Facebook, whatsapp und dergleichen mehr. 
Und übe dich in Disziplin! Okay. 
Und wenn wir Nachbarn wären, wie würde dann der Rat wohl lauten? Ach, ziehe einfach um. 
Oder ignoriere einfach alles, geh deinen Weg. 
So einfach ist also das Leben.

Kommentare:

  1. Das dumme am Umzug ist nur, die Aufgabe zieht mit.....aber durch die räumliche Distanz hast Du die Möglichkeit Ruhe zufinden. Womit wir beim Internet wären....das wird es schwierig und macht die Aufgabe nicht leichter, aber dafür umso ertragreicher wenn es gelöst wurde.
    Ich habe für mich irgendwann einmal begriffen, das ich Zeit habe und damit auch die Ruhe Dinge zulösen die als unlösbar schienen.
    Nimm Dir Zeit.

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    1. Hallo Hans - ja, sich die Zeit nehmen. So banal und so wahr zugleich. Ich erlebe mein Leben bzw. meine emotionale Welt aktuell wie auf einer Sinuskurve. Dir alles Gute und schönes WE

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  2. Ja, die Finger von den virtuellen Räumen zu lassen, die doch gleich nebenan liegen, ist wahnsinnig schwer - für mich aber unausweichlich, wenn man wirklich innerlich Abschied nehmen will. Ich habe Monate gebraucht, bis ich soweit war, alle virtuellen Bezugspunkte zum Geschichtenerzähler aus meinen Favoriten und sonstigen Linklisten zu löschen, und dann auch nicht mehr der Versuchung zu verfallen, mich über Google den gelöschten Seiten wieder anzunähern. Es dauert eben so lange, wie es dauert. Und solange wir noch durch den virtuellen Vorhang blinzeln, tut es weh. Das ist nun einmal so und lässt sich leider nicht ändern.

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