Samstag, 9. März 2013

Über Mögliches und Unmögliches

Von: Karin.@hotmail.com                           Gesendet: 09.03.2013 23:15
An: Simona.@bluewin.ch
Kopie/cc:
Betreff: Über Mögliches und Unmögliches

Liebe Simona!
Ich habe das Bändchen von Walser durchgelesen, beinahe in einem Zug. Atemlosigkeit beherrschte mich dabei. Ja, ich habe mich darin erkannt. Die Möglichkeit -und sei es nur eine virtuelle!- zur temporären Flucht aus der Alltagskiste fasziniert mich, lässt mich nicht mehr los. Ich weiss es sehr wohl, dass Du mir dieses Büchlein mit Absicht geschenkt hast, um mich aus der Reserve zu locken. Willst Du mir auch sagen: wache auf, Karin! Wenn dem so wäre, so habe ich Deinen Ruf vernommen, ja ich habe ihn regelrecht verinnerlicht. Dabei, Du weisst es, liebe ich meinen Martin über alles. Er ist ja ein guter Mann und Vater, er ist fürsorglich und trägt mich auf beiden Händen. Bin ich eine undankbare Ehefrau, wenn meine innere Stimme mir zuflüstert: das genügt mir nicht! Das kann noch nicht alles gewesen sein! Ja, wir wollen zusammen alt werden. Vermute ich mal. Und dennoch...ach, ich weiss es nicht, was es genau ist.

Vielleicht dies (es bleibt aber diffus): was Walser "das Unmögliche" nennt, für mich übersetzt mit "das Andere/Neue/Verlockende/Atemlose/prinzipiell nicht Erreichbare", aber auch "Tiefe/Geborgenheit/Verständnis", ja das ist es auch! Wie sehr, -verdammt, ich werde rot und zittere halbwegs, wenn ich dies Dir und auch mir selbst! offenbare-, sehne ich mich nach einer Begegnung, die alles, was bisher war, für Momente einer Ewigkeit auf den Kopf stellt und das Bestehende dennoch nicht in Frage stellt. Eine Begegnung, bei der ich nichts zu rechtfertigen habe, bei der keine Vergangenheit zählt, keine Zukunft, bloss nur Gegenwart, pure nackte Gegenwart, die alles zulässt und ja, quer zu allem steht, was bisher war und ist! Keine unnötigen Fragen werden dabei gestellt, keine versteckten Vorwürfe, keine gut gemeinten Ratschläge in die Runde geworfen. Nichts von alldem. Dafür: innige Liebe zweier Menschen, deren Lebenswege sich für einen Moment kreuzen, wissend, dass sie aber bald wieder auseinander driften werden und müssen, um irgendwann -irgendwann!- wieder zusammenzukommen, aber ohne Ziel und ohne Hoffnung, ja ohne jegliche Hoffnung, weil beide ein Zuhause haben und dennoch eine tiefe Sehnsucht in sich tragen, eine unbeschreibliche, tiefe Sehnsucht nach umfassender Liebe. Und wenn ich diesen -wohl verstanden nicht vorhandenen- Menschen nicht sehe und spüre, so vermisse ich ihn aufs Schmerzlichste, obwohl ich meinen Mann über alles liebe.

Ist das ein Widerspruch? Sag es mir, Simona, sage mir, ob ich zurück in die Pubertät falle (obwohl, so glaube ich, dies hier nichts mit Hormonen zu tun hat :-), Du kennst mich ja soooo lange schon, weisst Du noch, als wir damals in der Tanzdiele waren, hach! Das waren noch Zeiten. Und unsere gemeinsame Reise nach Paris kurz nach der Matura, unsere Diskussionen im Quartier Latin, die kein Ende finden wollten...sage, bin ich in einer Lebenskrise? Ist sie das also, diese vieldiskutierte Midlife Crises?
Wann hast Du Zeit für ein Gläschen Wein? Rufst Du mich an? Du bist ja nicht diejenige, die viel schreibt....oder vielleicht doch? Wie auch immer. Ich drücke Dich - schönen Sonntag und Grüsse Deinen Mann von mir herzlich.
Deine alte Unifreundin Karin, die, überflüssig es zu sagen, auf Deine Diskretion baut und sich dafür unendlich bedankt.

PS: weisst Du, was aus Rolf geworden ist? 

Kommentare:

  1. In meiner Leseliste stehen beide Adressen mit vollem Namen. Nur zur Info. Falls das ganze hier echt ist...
    LG
    Elisabeth

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    1. Was für komische Zufälle, aber Karin und Simona könnten ebenso Elisabeth und Anna heissen,
      oder Christina und Doris,
      oder Jolanda und Daniela.
      Ich könnte beliebig fortfahren.
      Herzlich, P.

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