Freitag, 8. März 2013

Im Gewohnheitskäfig

Seit langem sah ich am Morgen immer ein, dass mein Leben vorbei war. Im Laufe des Tages kehrten Einbildungen zurück, die mir vorspiegelten, es sei noch etwas möglich. Gegen Abend war ich oft so verblendet, dass ich zu hoffen wagte, es stehe noch etwas bevor, was ich überhaupt noch nicht kenne. Sozusagen das Schönste, Sinnreiche komme erst noch. Nachts musste ich diese glühen wollende Hoffnung schützen gegen die Übermacht aller bis jetzt gemachten Erfahrungen
Martin Walser, das dreizehnte Kapitel, 2012, Seite 145

Meine frivolen Handlungen bestehen in letzter Zeit darin, Freitagnachmittags in der Regel freizunehmen. Dann habe ich einfach Zeit, freie Zeit. Meistens zumindest. Heute war ich in der Bibliothek und habe mir Walsers Roman "das dreizehnte Kapitel" ausgeliehen. Ich lese das Bändchen in schnellem Tempo durch, streiche mir nicht wenige Stellen an, blättere abwechslungsweise zurück und vorwärts -der Text zwingt mich dazu- und lasse mich von ihm verzaubern. Der Text kommt in Form scheinbar schlichter Sätze daher, die aber umso mehr sitzen. Sätze, die eine Sehnsucht nach dem Unmöglichen beschreiben, genährt aus der sattsam gewordenen Erfahrung von Gefangenschaft im Gewohnheitskäfig. Und dann der Versuch der involvierten Personen (er, ein Schriftsteller und sie, eine Theologin, beide verheiratet), wenn auch nur gedanklicher Art, in das Reich des Unmöglichen vorzustossen, um zu schnuppern, wie es, das Leben, auch sein könnte. Doch der Aufbruch bleibt im Imaginären und muss scheitern. Doch allein der Umstand, es "gewagt zu haben", den Käfig wenn auch nur mental für einen Moment zu verlassen, muss befreiend wirken. Und wirkt befreiend. 

Kommentare:

  1. Ich finde dieses Buch auch gut, obwohl mir
    Walser sonst nicht so liegt.
    Einen guten Start ins Wochenende wünscht
    Irmi

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    1. Geht mir ähnlich, mit Walser habe ich eher Mühe. Aber mit diesem Bändchen hier nicht....Schönes WE auch Dir!

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  2. Was meinst du mit "Käfig"? Den Käfig der Ehe? Beide sind,wie ich das verstanden habe, glücklich verheiratet und beide erzählen einander dauernd von ihren Ehepartnern, das hat mich etwas irritiert. Soo glücklich kann man nicht verheiratet sein, wenn man die Kapazität hat, eine platonische und virtuelle Beziehung von solcher Intensität einzugehen...
    Gruss Ursula

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    1. Ich erlebe eine besondere Beziehung von solcher Intensität. Und ja, in den Anfängen, weil an anderer Stelle Diskussion und Gespräch über Seele, Bedürfnisse, Sehnsüchte, Gefühle und mehr nicht möglich war. Heute, weil wir diese Nähe trotz aller Wellen nicht mehr missen möchten. lg morgenrot

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    2. Ja, so ist es....sie tun es, um sich ihrer Treue zu vergewissern, um nicht "in Versuchung" zu kommen, also: um aus Not eine Tugend zu machen? Vielleicht kann man es auch so sehen.

      Übrigens, Ursula: werum tuesch Du nüme schribe i Dim Blog? I finde das schad, aber Du wirsch Dini Gründ ha. E gueti Zyt, p

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  3. Besonders DIESE Stelle hatte es mir auch angetan. Vorzüglich ausgedrückte Tagesstimmung und mehr...
    Radierst du die Anstreichungen hernach wieder aus?
    Wird die Frau vom Bären gefressen oder nicht?
    Ich fand das Buch enorm gut...und so reizend, wie in der letzten Druckfrisch-Sendung der Denis Scheck dem Herrn Walser mit dem Gepäck helfen wollte und Walser dran klammerte...Hast Du vielleicht auch gesehen?
    Gruß von Sonja

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    1. Liebe Sonja. Meine Anstreichungen lasse ich jeweils stehen - mit Absicht. Es ist interessant, Jahre später dasselbe Buch hervorzukramen und zu sehen, was man damals als wichtig oder weniger wichtig anzeichnete, wo die Fragezeichen gesetzt wurden etc. Daran lässt sich auch ablesen, welche Prozesse man in der Zwischenzeit gemacht hat - oder eben auch nicht.

      Ob die Frau vom Bären gefressen wird? Die Geschichte lässt es offen, es wird zwar davon gesprochen, aber ich bin mir nicht sicher. Eine Ausrede, um das Unmögliche nicht ausufern zu lassen? Aus Selbstschutz? Ich weiss es nicht.

      Nein, diese Sendung habe ich verpasst...! Habe ich etwas verpasst?

      Liebe Grüsse aus Dir!

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    2. Wenn Du magst, kannst Du Dir die Walser-Episode aus "Druckfrisch" hier anschauen:

      http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/339944_druckfrisch/13515596_martin-walser

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    3. Nochmal ich: Du hattest doch geschrieben, dass Du das Buch ausgeliehen hast. Aber scheinbar dann doch käuflich erworben, sonst ginge das mit dem Anstreichen und Jahre später nachschauen, doch gar nicht!?

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    4. Ja, das mit dem Anstreichen war eine allgemeine Bemerkung. Selbstverständlich hüte ich mich davor, Bücher, die zum Volkseigentum gehören, mit meinen Kommentaren und dergl. mehr zu beglücken :-). In solchen Fällen schreibe ich die mir besonders aufgefallenen Stellen auf - auf sep. Papier!

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  4. Ich bin mittlerweile dabei auch einen Blog zu schreiben. Nur nicht über Bücher (wobei mir Bücher sehr gut gefallen) sondern über MEIN leben. schaut doch mal rein http://annamose1999.blogspot.de/

    Ich bin Anfängerin kay?
    Lg

    Anna

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    1. Liebe Anna, ich besuche Dich und bin gespannt ! Viel Erfolg und eine gute Feder wünsche ich Dir. P

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