Mittwoch, 30. Januar 2013

Die brennende Kerze


Die brennende Kerze auf dem Tischchen nahe des Haupteingangs gibt jeweils bekannt, dass eine Heimbewohnerin oder ein Heimbewohner gestorben ist, und hinter der Kerze ist ein Bild mit dem Namen der/des Verstorbenen aufgestellt. So heisst es lapidar und amtlich nüchtern:  "Emma Steiner, geboren am 14. Oktober 1921, ist am 30. Januar 2013 gestorben". Die Bewohnerinnen und Bewohner des Altersheims nehmen es stillschweigend zur Kenntnis, und viele, so scheint es, schauen darüber hinweg. Man spricht nicht über den Tod. Und doch stellt sich ein jeder die bohrende Frage, ob er der Nächste sein wird.
Doch  im Altersheim schweigen die Sterbeglocken, und die Kerze brennt jeweils nicht lange. Gleich ihr gegenüber sind die Menükarten angeschlagen, und dem schwarzen Brett ist zu entnehmen, dass dienstags geturnt und mittwochs gesungen wird. Und am Samstag kommt eine Jazzband vorbei und wird Dixieland spielen. 

Kommentare:



  1. Und wie weiter?
    Was willst Du damit sagen?

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    1. wie würdest DU weiterfahren? Was sagt DIR die kleine Geschichte? Ich habe meine Schlussfolgerungen sehr wohl im Kopf, und sie sind, glaube ich, auch zwischen den Zeilen zu lesen. Aber natürlich liest ein jeder etwas anderes, und das ist je letztlich das Spannende in den Auseinandersetzungen um Texte.

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    2. Was ich zwischen Deinen Zeilen lese, sind gewissermaßen Vorwürfe an die "Herzlosigkeit" des Heimes und Du findest es pietätlos wenn die Lebenden stur ihren geregelten Tagesablauf beibehalten wollen.

      Gut, einverstanden.
      Nur - wie würdest Du es "konkret besser" machen wenn Du Manager eines/dieses Altenheimes wärst?

      Du musst immer im Hinterkopf haben, dass Du nicht mehr Personal zur Verfügung hast, der Betrieb am Laufen gehalten werden muss...das Mitarbeiter am Abend pünktlich heimgehen wollen, wie andere Berufstätige auch...

      Meine Gedanken dazu sind:
      Was genau ist schlimm daran, wenn Heimbewohner darüber hinwegsehen, wenn jemand gestorben ist?
      Die die sich mochten werden umeinander traueren, andere eben nicht. Hier ist kein Unterschied zum normalen Leben.
      Warum muss jeder von dem Tod eines Bewohners betroffen sein? Sie sind "zwangsverbunden" weil sie alle das selbe "Los teilen" und in der selben Einrichtung wohnen.
      Wir trauern doch auch nicht um jeden der im selben Stadtteil wohnt, oder?
      Das Leben geht für die anderen weiter, sie wollen essen, tanzen und sich vergnügen... wie "draußen" auch....

      Und bitte, versteh mich nicht falsch. Ich will nicht provokant erscheinen - es sind nur meine Empfindungen. Ich meine, von außen sieht eben alles anders aus, man ist schnell im Verurteilen...

      LG

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    3. Liebe(r?) Anonym
      Schreiben ist auch deswegen ein Abenteuer, weil derselbe Text immer wieder anders gelesen und damit auch missverstanden werden kann. Ich mache den Bewohner/innen keinen Vorwurf, nein, vielmehr glaube ich, dass Verdrängung auch seine guten Seiten hat. Ein alter Mensch mit 94, weshalb sollte er noch gross über den Tod reflektieren, wenn Anna oder wer auch immer gerade gestorben ist? Und doch sind wir, weil wir Menschen sind und über unsere Existenz nachdenken können, dazu aufgerufen, den letztlich mysteriösen Tod als das anzunehmen, was er ist: als zwingender Teil unseres Lebens. Und jener, der diese Zeilen schreibt, verachtet den Tod. Und will ihn doch integrieren. So gut es geht.

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    4. Lieber Peter,

      ich denke gar nicht mal, dass alte Menschen den Tod verdrängen. Sie denken, meiner Erfahrung nach, ganz im Gegenteil, sehr viel an ihn.

      Allerdings ist das insgesamt ein sehr komplexes Thema. Es würde Tage und Nächte der Auseinandersetzung füllen; ein unmögliches Unterfangen hier über Kommentare auch nur im Ansatz wirklich darauf einzugehen.

      LG

      PS. Klar müssen wir den Tod annehmen. Es gibt nichts, was hier zu diskutieren wäre. Lebend kommen wir eben nun mal nicht raus ;-)
      *Lebend, im Sinne des irdischen Lebens, versteht sich*

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    5. Schön, wenn Du dazu einen Text verfassen würdest....ich wäre sehr daran interessiert.

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    6. Wenn ich wüsste wo ich ansetzen soll...

      LG

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  2. Das kenne ich. Im Altersheim des alten Mannes kommt eine schwarze Spitzenschleife mit einer weißen Rose an das Namensschild der Tür des Zimmers, in dem der/die Verstorbene wohnte. Alle sehen es, keiner spricht davon. Der Tod ist hier noch weniger Thema als "draußen". Man schweigt, weil er vielleicht vergißt wieder vorbei zu kommen. Das Leben in Form von Speiseplänen und Diavorträgen geht in diedem Kokon sehr schnell weiter.

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    1. ja, so ähnlich empfinde ich es auch. Und man schweigt, weil man verdrängt und Angst hat. Aber das tut man nicht bloss im Altersheim. Man setzt fort, was man schon immer machte.

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  3. Nur hier ist man näher dran und kann den Gevatter nicht einfach so verdrängen. Mein Vater wird im Sommer 93 und ist fest davon überzeugt, noch 100 zu werden. Ich finde diese Einstellung super. Aber auch er weicht sofort aus, wenn man fragt, wie er über das Sterben denkt, denn es passiert ja um ihn herum. Aber morgen gibt es Kartoffelbrei.

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    1. 93...ein stolzes Alter ! Mein Vater wollte auch 100 werden...geschafft hat er es nicht. Gerne wüsste ich manchmal, wo er jetzt ist.

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  4. Du weißt nicht wo er ist?

    Fühlst Du ihn nicht?
    Kannst Du ihn nicht in Deinem Kopf sprechen hören, wenn Du an ihn denkst?

    Siehst Du.
    DA/S ist er.

    LG

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    1. Manchmal weiss ich es, manchmal nicht.
      Und wenn ich derb-frivol vor mich hinfluche, weiss ich: aha, da ist er also

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