Montag, 24. Oktober 2011

Hände, die sich berühren

Ich stelle mir vor:

Sie haben an einem, sagen wir, Donnerstagabend abgemacht. Sie kennen sich erst seit zwei Wochen, kennengelernt haben sie sich an einem Schreibkurs.

Er: 48, Architekt, 2 halbwegs erwachsene Kinder.
Sie: 51, Juristin, 1 Kind (Teenager).

Und nun treffen sie sich in einem kleinen Lokal in der Altstadt.
Er betritt als erster das Lokal und nimmt am tags zuvor telefonisch reservierten Tisch Platz, der ihm der Kellner zuweist. Keine 5 Minuten später erscheint sie, pünktlich und gut gelaunt, wie ihm augenblicklich auffällt. Sie trägt eine weisse Bluse und schwarze Jeans. Er ist formeller angekleidet, um nicht zu sagen: er erscheint in seiner Architektenuniform, also beinahe gänzlich in schwarz.

Und so beginnen sie zu reden über Gott und die Welt,
über ihre Berufe, über Musik und, am Rande, über Beziehungen.
Sie wissen: beide sind an sich noch zu haben - in diesem Alter keine Selbstverständlichkeit.

Beide haben ihre Geschichte, haben Höhen und Tiefen des Lebens erlebt.
Beide geschieden.

Alkohol trinken sie nicht.

Die Atmosphäre ist von Wärme und gegenseitiger Sympathie geprägt.
Sie lachen viel, und doch reden sie auch über ernste Themen.
Und wie beiläufig berühren sich während der Nachspeise ihre Hände, als sei dies das Selbstverständlichste dieser Welt.
Es dauert nur wenige Sekunden,
und beiden kommt es vor, als dauere es eine kleine Ewigkeit.

Er wird sie einladen, aber ohne Absichten.
Nach dem Abendessen verabschieden sie sich innig und herzlich voneinander.
Sie werden getrennt nach Hause gehen.
Sie sagen nichts über ihre gegenseitigen Gefühle, weil dies gar nicht nötig wäre.
Weil es bloss stören würde.

Kommentare:

  1. Berührt mich momentan gerade sehr...

    Danke

    AntwortenLöschen
  2. Ohhhh, wow...soooooo schööön....

    AntwortenLöschen
  3. Was mir gefällt: Die beiden trinken keinen Alkohol. Also nicht den obligaten Rotwein, der womöglich in den Gläsern funkelt.

    Was ich nicht wusste: Dass Architekten Uniformen tragen.

    AntwortenLöschen
  4. @Castorp: jene, die sich für die Wiedergeburt Corbusiers halten, tragen vornehmlich schwarz gestylte Kleider. Schöne Uniform!

    AntwortenLöschen