Dienstag, 4. Mai 2010

Liebe?

Anna und autum sinnieren in ihren Blogs über Liebe und Abhängigkeiten. Letztlich geht es um die zentrale Frage, ob ich eine Person aus narzisstisch-defizitären Gründen oder aus freien Stücken liebe, frei von inneren Defiziten, Projektionen oder Idealisierungen, frei von Besitzansprüchen und Abhängigkeiten.

Wie erkenne ich nun, ob ich einen Menschen wirklich liebe? 'Wirklich' in dem Sinne, dass ich nicht aus egoistisch-defizitären Gründen den betreffenden Menschen liebe, sondern aus einem gewissermassen 'autonomen' Gefühl heraus? Ist dies überhaupt 'ergründbar', mithin 'messbar' im wissenschaftlichen Sinn?

Wenn ich einem Menschen begegne und dabei das Herz zu pochen beginnt, die Hände feucht werden und dergleichen mehr (physische Reaktionen), dann kann dies ein Zeichen von Verliebtheit sein und/oder von Begierde. Wenn bei dieser Begegnung darüber hinaus der eine erahnt, was sein Gegenüber denkt und fühlt, wenn dieses Gegenüber eine Melodie anstimmt und ich diese aufnehme und harmonisch weiterführe, wenn, ganz im Sinne Rilkes, die Gedanken- und Gefühlswelten sich ganz nahe kommen, wenn ich buchstäblich all seine Wünsche von den Augen ablesen kann, und wenn sich dann, folgerichtig, nach schon kurzer Zeit ein mächtiges Gefühl des Vertrauten einstellt, das uns umhüllt und uns nicht mehr los lässt, dann muss dies eine aussergewöhnliche Begegnung sein, die ich mir nicht 'aussuchen' kann. Sie stellt sich plötzlich, mithin aus dem Nichts, ein. Sie ist vor allem etwas Vor-Gefundenes, etwas, was sich meiner Kontrolle und meinem Willen entzieht, etwas, was ich nicht konstruieren und bestellen kann. Sie ist, anders gesprochen, ein Geschenk, vielleicht ein Akt der Gnade.

Die Liebe verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. So heisst es, ganz radikal, im ersten Brief an die Korinther, Kapitel 13, in der Übersetzung Luthers (als Agnostiker kann ich ohne Hemmungen die Bibel zitieren). Diese schlichten Sätze sagen im Grunde der Dinge alles, was es zu diesem Thema zu sagen gibt. Wenn ich tatsächlich so weit bin, einen Menschen so selbstlos und so tief zu lieben, liebe ich ihn aus freien Stücken und mit meinem ganzen Herzen, frei von inneren Zwängen, Projektionen und Egoismen.

Kommentare:

  1. Lieber Peter,
    du sagst es in deinem letzten Absatz: selbstlos. Darum geht es wohl. Schwer ist das Erkennen der Selbstlosigkeit. Needyness bzw. Bedürftigeit ist das Gegenteil von der Definition des Korintherbriefs. Dies ist zu erkennen, dann, wenn vermeintliche Liebe für die Beteiligten zum Problem wird, schwer wird, sich ungut anfühlt. Loslassen und nicht weiter festhalten ist dann angesagt. Sicherlich schwer genug.
    Dir eine gute Zeit und bis dahin.
    autum

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  2. Lieber Peter,

    Liebe ist das, was man mit viel zu wenigen Worten beschreiben kann, oft sogar unbeschreiblich ist...man muss sie erfahren, denn ich glaube, jeder Mensch muss sie für sich selbst erfahren, denn Liebe ist nicht gleich Liebe...
    ach, seufz, ich sags ja, es gibt zu wenig Worte dafür;-)

    herzlich, Rachel

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  3. Lieber Peter,
    über Annas und Autums Blog bin ich auf deinem Blog gelandet. Ich bin Ende 30, habe den Mann meines Lebens bisher nicht gefunden und mache mir ebenfalls Gedanken darüber, warum das so ist, was ich ändern muss, und so weiter.
    Du beschreibst sehr schön das Gefühl, das einen plötzlich elektrisiert. Die Besonderheit der Begegnung. Nur frage ich mich: Elektrisiere ich immer bei den Falschen? Nach welchen Mustern spielen meine Hormone verrückt? Was muss ich ändern, damit ich mich in passendere Kerle verliebe? Ich weiß ja nicht, wie es euch geht. Bei mir wiederholen sich Muster. Die möchte ich gerne durchbrechen, in der Hoffnung, mich dann in jemanden zu verlieben, mit dem ich glücklich werden kann.
    mayarosa

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