Sonntag, 4. April 2010

Seelenverwandtschaft

Ich habe einen unaufgeregten Ostersonntag erlebt. Kleines Osterritual für die Tochter, Mittagessen, dann raus an die frische Luft, das Wetter zeigte sich bei uns wechselhaft und eher kühl. Abends gemeinsames Nachtessen mit der Tochter und ihrer Mama.

Ich bin nun zu Hause und geniesse diese sonderbare Stille im Raum. Ich öffne das Fenster und höre praktisch nichts, es kommt mir vor, als würde ich in der tiefsten Provinz leben. Sehnsucht stellt sich wieder ein, es ist eine Sehnsucht nach Seelenverwandtschaft, ich schaue zum Himmel hinauf und sehe, weit weit weg, Flugzeuge, ich stelle mir vor, deren Passagiere seien Geschäftsleute, Ferienreisende, Menschen, die unterwegs sind und vielleicht auch nach Glück und Zufriedenheit suchen - oder diese bereits gefunden haben. Doch wo ist meine Seelenverwandte? Hier gleich um die Ecke (das glaube ich nicht) oder weiter weg, in der Stadt, oder jenseits der Landesgrenzen, vielleicht in einem dieser Flugzeuge? Gibt es diesen Menschen überhaupt? Ja, es gibt ihn, und ich hatte auch schon das Glück, diesem Menschen zu begegnen, jenem Menschen, der meine Seele zart berühren konnte. Ich ahne aber auch, dass es -ich gebe die Hoffnung nicht auf- noch weitere dieser seltenen Exemplare gibt, ihnen zu begegnen ist freilich ein Glücksfall. Gibt es dabei den Zufall, oder wird das viel beschworene Schicksal mir den Weg zeigen? Die Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung bereitet mir immer wieder Mühe bzw. versetzt mich in eine gewisse Panik. Was, wenn die Begegnung nicht stattfinden wird? Ich kann mir ein Leben ohne Seelenverwandte ehrlich gesagt nicht vorstellen, es wäre ein nur halb gelebtes Leben, trotzdem lebenswert, sicher, aber ohne tiefere Berührung, ohne Erschütterung im besten Sinne des Wortes. Die bohrende Frage nach dem Zufall verfolgt mich: soll man ihm vertrauen, diesem Zufall? Wenn es ihn denn gibt, diesen Zufall, so gibt er sich launisch, und versprechen kann er ohnehin nichts. Kann dem Zufall etwas "nachgeholfen" werden? Oder ist es schlicht eine Lotterie, der Seelenverwandten zu begegnen?

Den Zufall will ich nicht ganz abschreiben, noch "glaube" ich an ihn *. Er hat ja auch einen schweren Stand, schliesslich sehen wir ja doch nur das, was wir vermeintlich kennen, Zwischentöne (in welcher Form auch immer) werden oftmals nicht registriert, vor allem dann, wenn sie ganz subtil daher kommen.

Ich sehe sie nach wie vor, die Flugzeuge, wie sie sich scheinbar am Himmel kreuzen und aus allen Richtungen kommen, lautlos schweben sie über meinen Kopf hinweg, ganz weit weit weg. Mein Blick wandert Richtung Stadt, gedanklich bin ich überall und nirgendwo. Meine Seele bleibt einsam, die abendliche Unruhe macht sich wieder bemerkbar, einmal mehr.

* Nachtrag: natürlich kann man sich auch auf den Standpunkt stellen, alles sei "Fügung", "Schicksal", ja das ganze Leben sei "vorbestimmt" (Calvin). So gesehen gäbe es gar keine Zufälle, auch die menschliche Geschichte wäre dann ebenso vorbestimmt, angeführt von einem "Weltgeist" (Hegel) oder angetrieben bzw. determiniert von den materiellen Bedingungen (Marx). Ich bin mir nicht sicher, woran ich glauben soll, schwanke hin und her. Ich werde in einem späteren Beitrag versuchen, darüber nachzudenken.

Dies hier ist aber bestimmt Zufall :-): ich habe eine gewisse Emily Bear für mich entdeckt, dieses Mädchen ist gerade mal gleich alt wie meine Tochter. Wie sie Piano spielt (und darüber hinaus auch schon selber komponiert), ist doch sehr bemerkenswert.

Kommentare:

  1. Lieber Peter,

    ich glaube, man sollte nicht immer nur Suchen, dabei verkrampft man, denkt unablässig daran, jemanden verpasst zu haben...
    Viel schöner ist dieses sich Findenlassen...
    dabei nur ein kleinwenig Suchender zu sein...

    Deine Gedanken sind gut dazu, jedoch spüre ich darin schon diese Ungeduld, verstehst du, wie ich es meine?
    Ungeduld ist ein schlechter Wegweiser...

    in diesem Sinne einen feinen Montag dir...

    herzlich, Rachel

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  2. @Rachel: Ja, Du hast Recht, es ist Ungeduld, Ungeduld aus der Angst heraus, das Wechseln der Räder am fahrenden Zug nicht schaffen zu können, den Zug nicht aufhalten zu können. Theoretisch wäre mir einiges klar: loslassen, tief durchatmen, vertrauen. Und doch....auch Dir einen schönen Montag!

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