Donnerstag, 18. Februar 2010

Sie

Ich habe sie im globalen Dorf kennen gelernt, vor bald zwei Jahren. Ich war damals mitten drin im Trennungsprozess von meiner Frau und beschrieb dies alles in einem Blog - worauf sie sich dann und wann meldete und meine Beiträge auf kluge, sensible und subtile Weise kommentierte. Auch sie hatte eine Trennung hinter sich bzw. war gerade dabei, diese zu verarbeiten. Unsere virtuellen Begegnungen nahmen an Intensität zu, wir schrieben uns bald regelmässig, täglich, so häuften sich unsere emails und unsere Chat-Gespräche.

Sie wohnte nicht gerade um die Ecke, nein, ganz im Gegenteil. Ein Besuch würde insgesamt mehrere Reisestunden bedeuten, aber das war mir egal. So haben wir uns im Herbst 2008 - es war September, an einem Freitagabend, ich kam so gegen 2200 Uhr bei ihr an- zum ersten Mal gesehen - richtig gesehen, das heisst im realen Leben. Die Ängste, die zuvor durchaus da waren, waren im Nu verschwunden: sofort stellte sich eine Vertrautheit ein, eine Vertrautheit, die sich schon während des Schreibens manifestierte und sich nun beim ersten Treffen voll bestätigte. Zwei Fremde kommen sich bald sehr nahe, das gegenseitige Verlangen nach Wärme und Geborgenheit wird gestillt.

Und so haben wir uns regelmässig gesehen, im Schnitt alle 4 bis 5 Wochen. Ein einziges Mal war sie bei mir zu Besuch (zwar nicht direkt bei mir zu Hause, aber doch bloss eine Zugstunde von hier entfernt). So ist mit der Zeit eine Liebe und eine Leidenschaft entstanden, eine Liebe, die natürlich unter sehr erschwerten Bedingungen stand: da war zum einen die räumliche Distanz, die nicht zu leugnen war. Im weiteren waren die Umstände so, dass der jeweilige Trennungsprozess noch nicht abgeschlossen war. Das heisst, dass viele Bilder, Verhaltensmuster und dergleichen mehr bei beiden immer noch präsent waren, natürlich, und diese Vergangenheit, die eben noch nicht vergangen war, prägte auch unsere Beziehung.
Sodann mein zeitweises Unvermögen, die Gefühle - meine Gefühle - adäquat zum Ausdruck zu bringen. Ich muss oftmals als distanziert wahrgenommen worden sein. In der Tat ist es so, dass ich ob der räumlichen Distanz nicht so sehr litt wie sie bzw. dass ich dies anders verarbeitete als sie. Ich bin jemand, der in seiner eigenen Welt aufgehen kann, das heisst, ich neige zu Tagträumereien und kann mich in meiner kleinen Welt völlig verlieren, sei dies bei Musik, Literatur und dergleichen mehr. Das kam dann so an, als ob ich kein echtes Interesse an sie hätte, was nicht der Fall war - im Gegenteil - aber es wirkte so, und ich muss dies akzeptieren. Wahrnehmung ist Realität.

So hatte diese Beziehung von Anfang an kaum eine reelle Chance gehabt. Beide waren bzw. sind ortsgebunden, es sind Kinder da, die berufliche Situation kann auch nicht ignoriert werden, kurz: eigentlich wussten es ja beide von Anfang an...Aber ich war derjenige, der trotzdem immer wieder wollte, auch wenn sie zeitweise weg lief, ich kam immer wieder auf sie zu, ich konnte und wollte die Beziehung nicht abbrechen - ich konnte meine Gefühle nicht einfach ignorieren, ich fühlte mich angezogen und von ihr ernst genommen.

So ging das hin und her, mit diversen Krisen und Unterbrüchen, aber immer wieder kamen wir doch zusammen. Aber ich weiss: sie wollte mehr, wollte einen Partner, der nicht einfach bloss einmal im Monat auftaucht und dann wieder "untertaucht". Und dann die Tage der Einsamkeit, diese beschränken sich nicht bloss auf Weihnachten, Neujahr oder Ostern. Ich konnte besser damit umgehen, auch wenn ich oftmals das Bedürfnis hatte, sie einfach in die Arme zu nehmen, wissend aber, dass ich darauf noch x Wochen warten musste.

Bin ich eher gefühlskalt? Gefühlskalt deshalb, weil ich die jeweiligen Wochen zwischen unseren Begegnungen besser aushielt als sie, ja vielleicht gar nicht so sehr darunter litt (zumindest vermeintlich nicht darunter litt)? Scheinbar litt ich nicht darunter, aber es kam so bei ihr an, was ich im Nachhinein verstehen kann. Vielleicht ist mein Verhalten als "männlich" zu charakterisieren (?), ich konnte irgendwie meine Gefühlswelt "abspalten". Sie hingegen litt darunter, ich verstand sie so gut und litt mit, aber ich konnte dies nicht adäquat zum Ausdruck bringen. Eine verzwackte, ja verzweifelte Situation.

Möchte ich mit mir verheiratet sein? Manchmal schon, ich denke, ich sei im Grossen und Ganzen ein angenehmer Mensch, mit dem man es gut haben kann. Aber ich habe natürlich auch meine Macken, bin grüblerisch und gleichzeitig ein Genussmensch.

Kommentare:

  1. Ich bin bei dir, ich kenne das. Tut mir sehr leid für dich.

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  2. Danke - das Leben verläuft nicht immer so, wie man es sich wünscht. Dir schöne Grüsse und gutes Wochenende.

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