Sonntag, 10. März 2013

AW: über Mögliches und Unmögliches


Von: Simona.xy@bluewin.ch                 Gesendet: 10.03.2013 15:20
An: Karin.az@hotmail.com
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Betreff: AW: Über Mögliches und Unmögliches
Tschou Karin!
Hab Dank für Deine lieben und ausführlichen Zeilen. Mit dem Bändchen, das will ich gleich vorwegnehmen, wollte ich Dich überhaupt nicht aus der Reserve locken oder necken oder was weiss ich. Es war ein spontanes Geschenk von mir für Dich, weil ich das Büchlein faszinierend fand (ich sage Dir noch weshalb) und ich Dir damit eine kleine Freude machen wollte. Und auch, weil ich Dir damit etwas mitteilen wollte, etwas, was direkt mich angeht und Stefan. Nur dass er davon nichts weiss. Vielleicht ahnt er "irgend etwas", aber er hat mich nie darauf angesprochen, und ich erzähle es ihm auch nicht. Es ist nämlich mein kleines grosses Geheimnis, das ich Dir damit offenbaren will. Weil ich das Bedürfnis habe, es zu deponieren in gut aufgehobenen Händen, auf dass wir mal darüber diskutieren können. Deine erste Reaktion hat mir gezeigt, dass Du ganz offensichtlich ähnliche Bedürfnisse (sind es Bedürfnisse? vielleicht eher Gefühle, Wunschvorstellungen, die gar nicht erfüllt werden müssen?) hast wie ich, nur dass ich sie bereits auslebe - nein, nicht im Massstab 1:1, sondern wie die beiden Hauptpersonen im Walserroman in "Schriftform" (was aber sehr wohl heftig unter die Hand gehen kann!). Also: ich habe ihn per Zufall (wirklich, ich habe nicht aktiv gesucht, ich würde es Dir sagen, wäre dem so) auf einem Philosophieforum im Internet kennengelernt. Wir haben uns ausgetauscht über Hannah Arendt, er ganz heftig zweifelnd an ihrer Interpretation bezüglich der Banalität des Bösen. Aber lassen wir das hier einmal stehen. Es entstand sodann innert relativ kurzer Zeit ein intensiver Mailverkehr. Bald erzählten wir uns alles, was es zu erzählen gibt (die Nächte sind manchmal lang! und Stefan schläft verdammt tief und fest). Auch Intimes, Privates, Sensibles...und wir beide wissen (oder ahnen) aber gleichzeitig, dass wir uns nie begegnen werden. Weil das Unmögliche unmöglich bleiben soll. Aus ganz unterschiedlichen Gründen, vielleicht auch aus Bequemlichkeit, mag sein, aber vor allem wohl aus Angst, sich gänzlich zu verlieren und den Boden unter den Füssen nicht mehr zu spüren. Aber auch weil ich Stefan ja liebe, meinen Mann, der mir Sonntags immer noch meine Lieblingsbrötchen bringt und mir frischen Orangensaft zubereitet. Und dennoch diese letztlich diffuse Sehnsucht in mir, die ich seit Jahren in mir trage, aber nie über sie nachzudenken wagte. Bis es dann zu dieser sonderbaren Begegnung kam, Knall auf Fall. Das Leben ist komisch, liebe Karin, findest Du auch? Komisch in dem Sinne, dass wir zwar alles haben, was wir uns wünschen können, und dennoch ein Manko in uns spüren, ein Verlangen von unendlicher Weite und Tiefe, das wir aber dennoch nicht genau benennen können. Bis zu jenem Zeitpunkt, da alles wahr zu werden droht, was man sich herbeisehnte und das uns doch so furchtbar Angst macht. Du hast es schön formuliert: diese Hoffnungslosigkeit, die uns so viel zu geben vermag, weil sie nur eine verdichtete Gegenwart zulässt und diese sich weder um Vergangenheit noch um Zukunft kümmern muss. Also: kein Rucksack, der schwer wiegen würde, keine Zukunftsängste, die uns manchmal den Schlaf rauben. Keine Banalitäten des Alltags. Ehrlich gesagt weiss ich nicht, wie lange ich das alles durchhalten kann, dieses Schreiben ohne Hoffnung auf eine Begegnung, und ginge es dabei bloss darum, für einen Moment die Hand des Gegenübers, der so wunderbare Zeilen zu verfassen vermag, zu halten, sie anzuschauen, sie liebevoll zu streicheln, um alsbald wieder zu verschwinden.
Ich ruf Dich nächste Woche an. Freue mich auf Dich!
Bis bald, Deine Simona

PS Rolf ist immer noch in Berlin, habe aber seit ca. 2 Jahren nichts mehr von ihm gehört. Kann Dir aber eine lustige Geschichte erzählen...

-----Ursprüngliche Nachricht-----

Von: Karin.az@hotmail.com                           Gesendet: 09.03.2013 23:15
An: Simona.xy@bluewin.ch
Kopie/cc:
Betreff: Über Mögliches und Unmögliches

Liebe Simona!
Ich habe das Bändchen von Walser durchgelesen, beinahe in einem Zug. Atemlosigkeit beherrschte mich dabei. Ja, ich habe mich darin erkannt. Die Möglichkeit -und sei es nur eine virtuelle!- zur temporären Flucht aus der Alltagskiste fasziniert mich, lässt mich nicht mehr los. Ich weiss es sehr wohl, dass Du mir dieses Büchlein mit Absicht geschenkt hast, um mich aus der Reserve zu locken. Willst Du mir auch sagen: wache auf, Karin! Wenn dem so wäre, so habe ich Deinen Ruf vernommen, ja ich habe ihn regelrecht verinnerlicht. Dabei, Du weisst es, liebe ich meinen Martin über alles. Er ist ja ein guter Mann und Vater, er ist fürsorglich und trägt mich auf beiden Händen. Bin ich eine undankbare Ehefrau, wenn meine innere Stimme mir zuflüstert: das genügt mir nicht! Das kann noch nicht alles gewesen sein! Ja, wir wollen zusammen alt werden. Vermute ich mal. Und dennoch...ach, ich weiss es nicht, was es genau ist.

Vielleicht dies (es bleibt aber diffus): was Walser "das Unmögliche" nennt, für mich übersetzt mit "das Andere/Neue/Verlockende/Atemlose/prinzipiell nicht Erreichbare", aber auch "Tiefe/Geborgenheit/Verständnis", ja das ist es auch! Wie sehr, -verdammt, ich werde rot und zittere halbwegs, wenn ich dies Dir und auch mir selbst! offenbare-, sehne ich mich nach einer Begegnung, die alles, was bisher war, für Momente einer Ewigkeit auf den Kopf stellt und das Bestehende dennoch nicht in Frage stellt. Eine Begegnung, bei der ich nichts zu rechtfertigen habe, bei der keine Vergangenheit zählt, keine Zukunft, bloss nur Gegenwart, pure nackte Gegenwart, die alles zulässt und ja, quer zu allem steht, was bisher war und ist! Keine unnötigen Fragen werden dabei gestellt, keine versteckten Vorwürfe, keine gut gemeinten Ratschläge in die Runde geworfen. Nichts von alldem. Dafür: innige Liebe zweier Menschen, deren Lebenswege sich für einen Moment kreuzen, wissend, dass sie aber bald wieder auseinander driften werden und müssen, um irgendwann -irgendwann!- wieder zusammenzukommen, aber ohne Ziel und ohne Hoffnung, ja ohne jegliche Hoffnung, weil beide ein Zuhause haben und dennoch eine tiefe Sehnsucht in sich tragen, eine unbeschreibliche, tiefe Sehnsucht nach umfassender Liebe. Und wenn ich diesen -wohl verstanden nicht vorhandenen- Menschen nicht sehe und spüre, so vermisse ich ihn aufs Schmerzlichste, obwohl ich meinen Mann über alles liebe.

Ist das ein Widerspruch? Sag es mir, Simona, sage mir, ob ich zurück in die Pubertät falle (obwohl, so glaube ich, dies hier nichts mit Hormonen zu tun hat :-), Du kennst mich ja soooo lange schon, weisst Du noch, als wir damals in der Tanzdiele waren, hach! Das waren noch Zeiten. Und unsere gemeinsame Reise nach Paris kurz nach der Matura, unsere Diskussionen im Quartier Latin, die kein Ende finden wollten...sage, bin ich in einer Lebenskrise? Ist sie das also, diese vieldiskutierte Midlife Crises? 
Wann hast Du Zeit für ein Gläschen Wein? Rufst Du mich an? Du bist ja nicht diejenige, die viel schreibt....oder vielleicht doch? Wie auch immer. Ich drücke Dich - schönen Sonntag und Grüsse Deinen Mann von mir herzlich.
Deine alte Unifreundin Karin, die, überflüssig es zu sagen, auf Deine Diskretion baut und sich dafür unendlich bedankt.

PS: weisst Du, was aus Rolf geworden ist? 

Kommentare:

  1. Verstehen kann es eine Aussenstehende wohl nicht.
    Ich habe es zweimal durchgelesen.
    Aber: Jeder hat tief in sich etwas verborgen, das irgendwann an die Oberfläche drängt.
    Einen schönen Abend wünscht
    Irmi

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  2. Das hier ist: Wow! Und es trifft mich natürlich geradeaus.

    Gibt es irgendwann eine Fortsetzung?

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    1. Ich denke schon, sofern beide Damen schreibfreudig sein :-)

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