Donnerstag, 10. November 2011

Der junge Werther in uns

Mit 20 mag man sich wie Werther vollends in Gefühlen verlieren, man verliebt sich schrecklich in eine Person und schwärmt nur noch, ach, die Schmetterlinge im Bauch!

Und dann, mit 30, 40 und darüber hinaus? Legen wir unseren Werther beiseite, weil es peinlich sein könnte, ihn weiterhin auszuleben? Je älter, umso kopfgesteuerter, vernünftiger? Und das hiesse: man tastet bei einer neuen Bekanntschaft mit angezogener Handbremse ab, man wägt sorgfältig ab und glaubt, dass die Gefühle gewissermassen nachgeschoben werden, wenn wir glauben, dass das Gegenüber nach zerredeten Runden zu uns passen könnte - allenfalls und mit Vorbehalt. Was sich dahinter verbergen könnte: vielleicht die Angst, wie Werther verletzt bzw. enttäuscht zu werden. Und vielleicht auch dies: die Befürchtung, von seinem näheren Umkreis wie ertappt zu werden nach dem Motto: ach, mein Lieber, was für ein Schwärmer du doch in deinem Alter noch bist! Und dann schauen wir beschämt in den Spiegel und murmeln nur noch im Selbstgespräch: Mensch, wann wirst du erwachsen?

Ja, lieber Werther. Wie lange kann man dich ertragen?
Man könnte jetzt auch einwenden: Werther? Nein, niemals, nicht mal mit 20!
Und doch, bei allerlei Schwärmerei, die von ihm ausging: er ist mir sympathisch geblieben.

Kommentare:

  1. MUSS man denn unbedingt "erwachsen" werden? Bin ich doch immer noch der gleiche Mensch wie früher ...nur in älter? hm ....*grübel*

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  2. Achhh.....so Schwärmer machen mein Herz ganz warm.

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  3. .....@anonym: da gehörst Du wohl zu einer aussterbenden Gattung :-).

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  4. Man soll immer ein Stück Kind bewahren. Und auch ein klein wenig Schwärmerin.
    Liebe Abendgrüße schickt dir
    Irmi

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  5. Nein, nein. Jeder der Geboren und lebendig ist hat ein warmes Herz.

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  6. Der junge Werther in uns, die Liebe in uns, wie schön, wenn es Menschen gibt, die so empfinden können, die ewig in ihren Träumen jung bleiben und die für die Liebe und in der Liebe leben.
    Was könnte das Leben lebenswerter und lebendiger machen als die Liebe?
    Ich bin eine Träumerin und stehe dazu, auch wenn hin und wieder belächelt.
    Und ich liebe es, mich so in meinen Gedichten und Texten auszudrücken. :-))

    LG
    Konstanze

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  7. Boah das hast du gut beschrieben, erinnert mich genau an Willi, dieses die Gefühle irgendwann nachschieben, wenn man sich über anderes genug abgesichert hat und alles zerredet hat. Mich ärgert das so dermaßen und ich denke immer, wozu denn bitte das Ganze, wenn nicht mal Gefühle da sind?

    Das Schöne an der Liebe ist doch gerade das nicht Kontrollieren, sich Fallenlassen, Vertrauen, sich einlassen und das Unbekannte und Aufregende.

    Ich glaube nie, dass jemand einen schief ansehen könnte, wenn man schwärmt sondern man wird höchstens beneidet. Und verletzt und enttäuscht zu werden, gehört dazu, wie sagt man: no risk no fun. Bei Willi denke ich eher immer nur: du Feigling. Und wenn man abgewiesen wird, kann man nicht damit fertig werden? Man sollte daran nicht sterben, sondern es tut weh und man versucht es neu statt irgendwelchen Träumen nachzuhängen, die man sich nicht wirklich eingesteht und darum nicht verwirklicht. Ich persönlich finde, wenn schon am Anfang die Handbremse angezogen ist, was soll dann noch kommen? An den Anfang will ich mich erinnern an eine tolle verliebte, leidenschaftliche Zeit, von der ich in Krisen zehren kann und mich immer daran zurückerinnern.. die Probleme kommen von alleine.

    LG Tina

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  8. Liebe Konstanze, Du hast das zauberhaft beschrieben....Danke!

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