Freitag, 30. September 2011

Die Herrlichkeit des Lebens

Wenn immer möglich lese ich Kafkas Schloss, mal spätabends, mal zu nächtlicher Stunde, wenn mich die Schlaflosigkeit heimsucht, oder mal über die Mittagszeit. Ich habe dieses monumentale Werk schon einmal gelesen, doch da war ich viel zu jung, ich verstand die existenzielle Einsamkeit des Landvermessers nicht, der letztlich auf der Suche nach Gnade war und doch immer wieder auf eine Mauer -oftmals seine eigene- zu lief, nur sah ich das damals nicht.

"Es ist sehr gut möglich, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft", schreibt Kafka in seinem Tagebuch. Der Landvermesser war offensichtlich nicht in der Lage, jene Herrlichkeit beim richtigen Namen zu rufen, er rang mit dem Schloss und kämpfte einen aussichtslosen Kampf. Kafka selbst, der Schöpfer des Landvermessers und seiner Welt, fand am Ende seines Lebens seine grosse Liebe in der Person von Dora Diamant, einer wunderschönen und klugen Frau jüdisch-orthodoxen Glaubens. Die Vorstellung, dass er seine letzten Atemzüge in tiefster Ruhe und Geborgenheit machen durfte, macht mich glücklich. Gut möglich, dass man erst kurz vor seinem Ableben so etwas wie Liebe vorfinden kann. Doch halt: ist es richtig zu schreiben, "erst"? Oder müsste es nicht vielmehr heissen: immerhin? Ich wäre glücklich, wenn dem, immerhin, so wäre.

vgl. auch:
Michael Kumpfmüller, die Herrlichkeit des Lebens, Köln 2011.

Kommentare:

  1. Sich kurz vor dem Tod noch zu binden hat natürlich etwas bestechend Unverbindliches.

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  2. @Castorp: Mag sein, aber darum geht es hier nicht. Die Liebe kommt, wann sie will, und lässt sich nicht vom individuellen Lebenskalender steuern, so gern man das auch hätte.

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