Montag, 26. September 2011

Des Nachts

Ich stelle mir vor:

Es ist stockdunkle Nacht, die Fenster des Schlafzimmers sperrangelweit offen. Trotzdem schwitzt er aus allen Poren, obwohl er am Abend zuvor weder Alkohol getrunken noch zu viel gegessen hätte. Es ist vielmehr Schweiss genährt aus Stress und Ärger. Sie liegt neben ihm, doch ihre Berührungen mag er nicht, nicht diese Nacht (und überhaupt)! Er mag es nicht, ganz sicher nicht jetzt, ihre Füsse zu spüren, er wendet sich reflexartig ab und atmet schwer. Es wird ihm wieder bewusst, dass falsche Berührungen keine Berührungen sind, mehr noch: sie erinnern ihn geradezu daran, welche Berührungen ihm wirklich fehlen. So wälzt er seine Gedanken hin und her, er schwitzt noch mehr als zuvor und vernimmt aus der Ferne das Geräusch vorbeirauschender Güterzüge (immer wieder!), einem verführerischen Gesang gleich, es macht ihn verrückt, weil diese Nachtzüge, so kommt es ihm vor, ihm zurufen wollen: komm, brich auf! Ultimativ muss er aufstehen, bald steht er in dieser milden Herbstnacht auf dem Balkon und blickt auf die schlafende Stadt. Ausser den Güterzügen ist nichts zu vernehmen, alles scheint still zu stehen. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Er kämpft nicht mehr gegen die innere Unruhe an, er weiss, dass er gegen sie keine Chance hat, vielmehr muss er sie zulassen und genau hinhören, was sie ihm allenfalls zu sagen hat. Je mehr er darüber nachdenkt und nachspürt, umso mehr vermischen sich Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Phantasie, bald ist er, einem Stakkato gleich, am Rheinufer, dann in den Bergen, dann wieder unten am Rhein, doch vor allem sieht er ihre dunklen Augen, die fern von ihm sind, immer und immer wieder. Die Glocken der nahen Kirche schlagen mittlerweile vier Uhr morgens. Das Schlafzimmer wird er nicht wieder betreten. Er macht es sich im Gästezimmer bequem und schläft, endlich, bald friedlich ein, indem er seine nächtlichen Phantasien nicht mehr weiter verdrängt oder verleugnet, sondern bewusst zulässt. Sein Herz erwärmt sich und lässt ihn davonschweben. Der Wecker wird auch an jenem Morgen pünktlich um sechs seinen Dienst erbringen und ihn wieder daran erinnern, dass Oasen nur ein zeitlich beschränktes Asyl zu gewähren vermögen. Wie zum Trost flüstert er dabei vor sich hin: immerhin.

Kommentare:

  1. Luxuslärm 'Von jetzt an'

    http://www.youtube.com/watch?v=fzQ_zG2Jf0g

    Hallo Peter,

    'Von jetzt an'………..finde ich irgendwie passend zu deiner Sehnsucht, deinen Träumen, deinen Erinnerungen, deiner Liebe und Seelenverbundenheit…….so wie du es hier schon öfters beschrieben hast……….
    Von jetzt an, haben wir immer die Möglichkeit etwas in unserem Leben zu ändern, neue Wege zu gehen, vielleicht sogar Träume zu leben und doch ist es soooo schwer, genau diesen Schritt zu wagen………..hm, mir kommt das alles auch so bekannt vor. :-)))

    Lieben Gruß
    Konstanze

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  2. Danke, liebe Konstanz, für Deine lieben Zeilen und den Link! Der Song gefällt mir übrigens gut, interessante Stimme, guter Sound....liebe Grüsse, Peter

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  3. @Casorp: Zeitweise bestimmt, Einsamkeit in einem existenziellen Sinne verstanden.

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