Mittwoch, 29. Juni 2011

Einsichten einer alten Frau

Meine alte Mutter sagte mir heute morgen beim Café in einer Konditorei der Stadt, dass sie es bereue, damals meinen Vater nicht verlassen zu haben, um Hans -ich nenne ihn einmal so- zu heiraten. Hans, der auch verheiratet war, habe ihr mehrere Heiratsanträge gemacht. Ja, sie bereue ihren damaligen Entscheid bzw. Nichtentscheid, das sei ihr in der letzen Zeit bewusst geworden. Hans, das war ihr damaliger Freund? Liebhaber? Kumpane? Seelenverwandter? Ich weiss es nicht, persönlich war ich ihm nie begegnet, aber sie erzählte immer wieder von ihm, von seiner Grosszügigkeit, seiner Herzenswärme und Galanterie. Mein Vater wusste, dass es diesen Hans gab, und er hatte gegen diese Beziehung nichts einzuwenden.

Vater und Mutter verstanden sich gut, trotz der Präsenz von Hans im Leben meiner Mutter. Oder vielleicht gerade deswegen?

Ich glaube, dass viele Menschen gegen Ende ihres Lebens tatsächlich das bereuen, was sie nicht begangen/gewagt/ausgelebt haben. Meine Mutter jedenfalls bereut nichts, was sie aktiv getan hat, aber sie trauert offenbar dem nach, was sie nicht getan hat, was sie ausgelassen hat, aus welchen Gründen auch immer.

Nicht gelebtes Leben ist verlorenes Leben. Auch ich habe einige Anteile an nicht gelebtem Leben in mir, aus welchen Gründen auch immer.

Am Grabe der meisten Menschen
trauert tief verschleiert
ihr ungelebtes Leben.

Oskar Jellinek

Kommentare:

  1. Was wäre gewesen wenn ... In solche Gedanken könne wir all unsere Träume und Sehnsüchte packen. Ungehindert. Ungebremst. Denn diese erdachten Erlebnisse werden nie den Beweis in der Realität antreten müssen.

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  2. Lieber Peter,
    deine Worte "Nicht gelebtes Leben ist verlorenes Leben." machen mich nachdenklich. Ich denke, du hast recht. Nur die Tragweite dieser Tatsache wird uns wohl erst bewußt, wenn wir anerkennen, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist.
    Ich wünsche dir, dass deine Anteile von nicht gelebten Leben nicht mehr werden.

    Herzlichst Aenne

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  3. @Mayarosa: gerade weil man eben den Beweis der Realität nicht antreten kann, werden uns diese was-wäre-gewesen-Gedanken immer wieder verfolgen...beunruhigen, antreiben, verunsichern. Ich glaube, dass wir mehr wagen müssten, um Erfahrungen, gelebte Erfahrungen, machen zu können.

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