Mittwoch, 11. August 2010

Von den besseren Zeiten

Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, einem ewig dauernden Trott unterworfen zu sein, der mein Leben beherrscht. Alles scheint vorgegeben zu sein, mehr noch: alles Relevante scheint unabänderlich zu sein. Gestern Abend war ich in Genf, traf mich mit meinem alten Unikollegen. Ein netter Abend unter netten Menschen in der Genfer Altstadt, feines Essen, feiner Wein, Im Hintergrund höre ich Mozart, Studierende der Musikhochschule scheinen dann und wann auf diesem Platz zu üben und verdienen sich so einige Franken dazu. Das alles sind schöne Momente, aber davon kann ich letztlich ja nicht leben. In einem gewissen Sinn lebe ich ausschliesslich ent-körperlicht, ich funktioniere stark mit dem Kopf, aber ich spüre meinen Körper nicht (mehr), und wenn ich ihn spüre, dann aufgrund sportlicher Tätigkeiten wie Wandern, Fahrrad fahren oder Schwimmen. Fehlen mir sexuelle Beziehungen? Aus Erfahrung weiss ich, dass sexuelle Beziehungen allein eine Zeit lang zumindest die Illusion vermitteln, man sei nicht einsam. Es ist höchst unangenehm (so jedenfalls meine Empfindung - vielleicht könnte ich hier auch von Peinlichkeit sprechen), morgens am Frühstückstisch zu sitzen und mit jener Frau, mit der man in der Nacht zuvor geschlafen hat, kein vernünftiges Gespräch zu führen, weil man sich nichts zu sagen hat. Sex ist das eine, Liebe und Zuneigung das andere. Mein alter Kumpel mag diese und andere Gedanken von mir nachvollziehen, aber er lebt in einer anderen Situation als ich.

Was ich wirklich nicht mehr erleben möchte: Nachts wärmten wir unsere kalten Füsse nicht mehr aneinander, und immer öfter schliefen wir Rücken an Rücken ein. Kein Schutz mehr für unsere Einsamkeit, nein, nun griffen uns unsere Einsamkeiten unerbittlich an, liessen uns von innen her erfrieren und erstarren und manchmal auch grausam werden. Kein Kraut war dagegen gewachsen- wir wussten es und brauchten doch so lange, es auch auszusprechen, am Anfang nur leise. Was ich uns hoch anrechne: dass wir uns diese Fremdheit in dieser Sterbephase unserer Verbindung fast nie vorgeworfen haben, selbst als der Schmerz angesichts der fratzengleichen Leere, die wir uns gegenseitig spiegelten, fast unerträglich wurde. Und dass wir uns mit Zärtlichkeit – und nach einiger Zeit auch wieder mit Humor (inzwischen schwarz eingefärbt) – in unsere nun getrennten Leben begleitet haben.

Ich mag diesen Text (meine Exfrau hat ihn verfasst), weil er grundehrlich ist und trotzdem keiner Anklageschrift gleichkommt, sondern in seiner Nüchternheit die Dinge beim Namen nennt: Ja, die Fremdheit in der Beziehung, die unerbittliche Einsamkeit und gleichzeitig das Schweigen. All dies möchte ich nicht mehr erleben. Doch jene Hand, die ich halten möchte, ist weit weg, unnahbar auf immer und ewig. Hat Calvin am Schluss doch Recht, dass das Leben prädestiniert, also vorausbestimmt ist? Demzufolge könnten wir tun und lassen was wir wollen, unser Gestaltungswille und –kraft kämen einer Chimäre gleich. Ich weiss nicht, was ich als Agnostiker mit all dem anfangen soll. Das Grübeln bringt mich nicht weiter, und doch wache ich manchmal nachts auf und kann nicht weiter schlafen. Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als in Demut zu akzeptieren, was ist (ach, es fällt mir zeitweise so schwer). Ohnehin kann ich morgen tot sein, von der Strassenbahn überfahren oder wie auch immer umgekommen.

Und trotzdem – ich will nicht passiv auf „bessere Zeiten warten“. Das Leben will aktiv gestaltet werden, auch wenn man immer wieder auf die Schnauze fällt muss man aufstehen. So wie es Biermann formuliert: nicht auf bessere Zeiten warten, sondern die besseren Zeiten aktiv zu gestalten versuchen.

Sofern das Leben halt doch nicht vorausbestimmt ist….

Warte nicht auf bessre Zeiten

Wartest du auf bessere Zeiten
Wartest du mit deinem Mut
Gleich dem Tor, der Tag für Tag
An des Flusses Ufer wartet
Bis die Wasser abgeflossen
Die doch ewig fliessen
(…)
Manche hoffen, dass des Flusses
Wasser nicht mehr fliessen kann
Doch im Frühjahr, wenn das Eis taut
fängt es erst richtig an
Manche wollen diese Zeiten
wie den Winter überstehn (…)

Kommentare:

  1. Obwohl ich merke, dass ich ziemlich vom (Schul-)Jahreslauf abhängig bin, und dass es da Hoch-Zeiten gibt, von denen ich mich jetzt entspanne, und auf die ich mich um die Winterzeit wieder verstärkt vorbereite.

    Vielleicht ist es bei dir auch so, dass jetzt einfach keine Stresszeit ist?

    Liebe Grüße, Bloomsbury

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  2. PS: ... und du jetzt etwas machen möchtest, das bleibt. Tu es.
    :)

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