Freitag, 27. August 2010

Keine sieben Wellen

Emmi und Leo aus dem Roman von Daniel Glattauer „gut gegen Nordwind“ kommen nach intensivem Mailkontakt bekanntlich doch nicht zusammen. Das hat dem Autor Ärger eingebracht, denn manche Leserinnen und Leser mochten ihm dies schlicht nicht verzeihen. Deshalb wohl hat er Emmi und Leo im Fortsetzungsroman „alle sieben Wellen“ zusammen kommen lassen.

Ich hatte in den letzten fünf Monaten eine ähnliche Geschichte erfahren: Ich hatte per Zufall meine Emmi kennengelernt. Schnell schlug es ein, bald schrieben wir uns täglich mehrere Mails, deren Form und Inhalte immer vertrauter wurden, bald darauf hatten wir auch zeitweise (intensiven) telefonischen Kontakt. Bis zum heutigen Tag sind so rund 500 Mails zusammengekommen, versehen mit persönlichen Fotos, Videoausschnitten und weiteren Anhängen. Wenn ich die jeweiligen Antworten dazu zähle, dürften es über 1000 Mails sein, die sich in den letzten Monaten auf diese Weise anhäuften.

Nach wenigen Wochen mussten wir uns treffen, die Vertrautheit war so stark, dass es schlicht nicht anders ging. So kamen wir für einen Tag am Ufer des Rheins zusammen und genossen den milden Frühlingstag, gingen zusammen Hand in Hand spazieren, Kaffee trinken, Mittag essen, über Gott und die Welt plaudernd. Meine Emmi hatte mir von Anfang an klaren Wein eingeschenkt: Ich wusste, dass für sie eine Trennung von ihrem Mann nicht in Frage käme. Wir lebten/leben demzufolge in unterschiedlichen Konstellationen, sind auch unterschiedlich sozialisiert worden, haben einen anderen Hintergrund, und doch: wir verstanden uns von Anfang an sehr gut, wir mochten uns sehr und freuten uns über jede Zeile, die täglich jeweils morgens, mittags, nachmittags, abends und vor dem ins-Bett-gehen jeweils eintraf. Wir hatten uns viel zu erzählen, über unser Leben, unseren Beruf, unsere Vorlieben, Ängsten, Sorgen und Hoffnungen. Natürlich wussten wir nicht, wohin dies alles führen würde. Trotzdem blieben wir „am Ball“ und küssten uns, virtuell, täglich. Die Gefühle wurden immer intensiver, die Atmosphäre immer vertrauter. Wir waren verliebt.

Nächsten Monat hätten wir uns erneut sehen sollen – aber daraus wird nichts. Ihr Leben sei schon jetzt kompliziert, und ein erneutes Treffen mit mir würde es nur noch komplizierter machen. So, wie Emmi in meinem Leben aufgetaucht ist, nämlich buchstäblich aus dem Nichts, so schnell verschwindet sie wieder, taucht auf Nimmerwiedersehen und Nimmerwiederschreiben unter, und Tschüss und weg.

Die sieben Wellen, sie werden uns nicht forttragen.

Bin ich traurig? Ich fühle jetzt vor allem eine innere Leere, bin müde und in einem gewissen Sinne ausgelaugt. Ich ahne, dass ich die Zeilen von Emmi vermissen werde. Ich bin sozusagen auf Entzug, auf kaltem Entzug. Ich werde die Mails nicht löschen. Ich werde Emmi auch nicht so schnell vergessen können, zu intensiv war diese Brieffreundschaft, die mein Herz berührte und höher schlagen liess. Auch wenn ich wusste: „daraus wird nichts“, liebte ich Emmi.

Der kalte Entzug ist hart und tut weh.

Kommentare:

  1. Ja, ein solcher "Kalter Entzug" ist hart... ich kenne das... und - obwohl heute glücklich verheiratet - ich habe ihn immer noch nicht vergessen...

    Ich wünsch Dir viel Kraft!
    Alles Liebe
    Geneviève

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  2. Hallo Peter,
    "Gut gegen Nordwind" habe ich vor kurzem gelesen. Ich finde es, literarisch betrachtet, ganz o.k., dass sich die beiden am Ende nicht treffen. Denn gerade diese Wendung gibt dem Buch Stil (Happy End kann ja jeder ;-)).
    Und zu deiner "Emmi": Ich glaube, eine Trennung nach so kurzen und intensiven Gefühlen ist deswegen so schwer, weil unsere Phantasie unbekümmert und frei alles in diesem Menschen hineinwünschen darf, was sie möchte und von Realität und Alltag völlig unbehelligt bleibt. Das macht solche "Emmis" und "Leos" zu Traumpartnern.
    In deinem Beitrag von heute schreibst du von deiner realen Bekanntschaft, die heute zum Kochen und Essen kommt. Du schreibst, sie mag dich. Und du? Magst du sie? Wie stehst du zu ihr? Was ist sie für dich?
    LG mayarosa

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  3. Liebe Mayarosa, danke für die lieben Zeilen!
    - zu den Emmis und Leos: ich stimme Dir zu.
    - zum Samstagabend: ich werde darüber berichten. Ehrlich gesagt weiss ich (noch) nicht, wie ich zu ihr stehe, und vor allem weiss ich nicht, was sie für mich bedeutet.

    Das Kinderliedchen vom Hans im Schneckenloch (Du kennst es bestimmt) kommt mir spontan in den Sinn:
    Hans im Schneckenloch hat alles, was er will,
    und was er will, das hat er nicht,
    und was er hat, das will er nicht.
    Hans im Schneckenloch hat alles, was er will.

    Liebe Grüsse und schönes WE, Peter

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  4. @Geneviève: das muss aber Liebe gewesen sein, dass Du ihn immer noch nicht vergessen hast....auch Dir liebe Grüsse und schönes WE!

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  5. @Peter: ja war es, und wenn ich ehrlich bin: würde ich ihn heute zufälligerweise treffen, weiss ich nicht, was passieren würde...

    Damals hat er kurzerhand Schluss gemacht und mir dann einen 3 seitigen Brief geschrieben, welcher mit "the show must go on" endete ... .

    4 Wochen später traf ich ihn per Zufall; er grüsste mich herzlich, inklusive Umarmung und Küssen... ich verstand die Welt nicht mehr... es war grausam schmerzlich und bis heute habe ich sein damaliges Verhalten nicht verstanden...

    Tja, that's life!

    Heute bin ich trotz allem glücklich verheiratet und habe 2 Kinder...

    Alles Liebe
    Geneviève

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