Mittwoch, 7. April 2010

Berufsalltag und das Denken im Konjunktiv

Ich sitze hier im Büro und schreibe an irgendwelchen Berichten (deren Inhalt mich nicht wirklich interessieren), muss Stellung nehmen zu Vorstössen und dergleichen mehr. Berufsalltag. Dieser schützt mich auch vor der immerwährenden Auseinandersetzung mit meinen Themen, er lenkt mich ab und zwingt mich, meine Gedanken auf das berufliche Hier und Jetzt zu konzentrieren. Mein Fenster ist offen, ich höre etwas Lärm, das von der Strasse herkommt, mein Büro befindet sich mitten in der Stadt, also höre ich zeitweise Stimmen, Vogelgezwitscher auch, die elektronischen Motoren der städtischen Bahnen. Von Ferne höre ich zeitweise auch Strassenmusikanten, die irgendwelche Lieder von Dylan oder der Beatles singen, na ja, sie geben sich zumindest Mühe. Das ist nicht selbstverständlich.

Ich spüre gleichzeitig das Gefängnis, mein inneres Gefängnis, das mich zwingt, im Konjunktiv zu denken: Was wäre, wenn? Fluchten in Tagträumereien, die unrealistische, naive Lust, zum Flughafen zu fahren, abzufliegen (Destination unbekannt), das jetzige Leben zumindest für einen Augenblick abzustreifen, neue Identitäten auszuprobieren, so wie Gantenbein im Roman von Frisch, der eines Tages beschliesst, so zu tun, als sei er blind - und so mitbekommt, wie die Umwelt ihn täuscht - der Mensch, der vermeintlich blind werden muss, um die Augen zu öffnen. Doch weiss ich auch: Paris, Tokio, Berlin oder New York, wo auch immer du bist, du nimmst dich mit, du kannst nicht vor deiner selbst flüchten. Das innere Gefängnis könnte ich nicht im Archivschrank meines Büros deponieren. So einfach geht das nicht. Also hiesse das, das innere Gefängnis und damit den Gefangenen und den Wärter in sich zu akzeptieren? Ich weiss: ich bin gleichzeitig Gefangener als auch Wärter. Ein Wechselspiel, die Personen bedingen sich gegenseitig. Ihnen will ich näher auf den Grund gehen.

Kommentare:

  1. Lieber Peter,

    du wirst dies dann mit anderen Augen sehen, wenn sich dein Leben ändert, irgendwann, wenn du wieder eine Partnerin an deiner Seite hast, die große Liebe...dann sieht die Welt ganz anders aus, du wirst es sehen...
    Jetzt werden solche Fragen, wie du sie dir stellst, bleiben...

    herzlichst, Rachel

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  2. Liebe Rachel. Ich glaube, dass Du Dich irrst. Diese Fragen haben mich seit eh verfolgt, jetzt sind sie bloss intensiver als auch schon, aber verschwinden werden sie nie gänzlich, sie sind Teil von mir. Ich werde auf Deine Bemerkungen noch zurückkommen, Danke!

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