Montag, 7. Juni 2010

Anmerkungen zur Ehe

Ich habe gestern Nachmittag die Tagebücher von Susan Sontag weiter gelesen. Der Eintrag vom 18. November 1956 (vgl. S. 112f) hält fest:

Anmerkungen zur Ehe:
  • die Ehe basiert auf dem Prinzip der Trägheit
  • lieblose Nähe
  • Die Glaswand, die ein Paar vom anderen trennt
  • Freundschaft in der Ehe. Die weiche Haut des anderen
  • das Ehegelöbnis ist götzendienerisch (erhebt einen Augenblick über alle anderen, gibt diesem Augenblick das Recht, alle künftigen zu definieren). Ebenso die Monogamie
  • Rilke war der Ansicht, dass sich die Liebe in der Ehe nur durch das ständig wiederholte Wechselspiel aus Trennung und Rückkehr bewahren lasse.
  • Das Aussickern von Sprache in der Ehe
Parallel dazu lese ich Frisch, "mein Name sei Gantenbein". Gantenbein spielt den Blinden, und seine Umwelt nimmt ihm diese Rolle dankbar ab. Seine Blindheit hält auch die Ehe zusammen. Sie kommen sich beim Sex deshalb sehr nahe, weil keiner die Blicke des anderen ertragen muss. Und weiter: "Alltag ist nur durch Wunder erträglich" (Suhrkamp, 1998, S. 108). Die Metapher des sehenden Blinden ist vieldeutig. Ich kenne einige Paare aus meinem Bekanntenkreise, die mindestens in ihrer Ehe auch blind sind, d.h., sie geben sich blind, aus Bequemlichkeit, aus Angst vielleicht auch. Wie lange erträgt man das Blind sein nach dem Motto: Augen zu und durch? Basiert die Ehe tatsächlich auf dem Prinzip der Trägheit (S. Sontag)? Vermutlich schon.

Diese Woche wird meine Tochter wieder bei mir sein. Ich habe also eine klar definierte Aufgabe, die mich fordert und, für einen Augenblick, glücklich macht.

Kommentare:

  1. Lieber Peter,
    deine Worte lese ich mit einer gehörigen Portion Sarkasmus, Ironie und Selbstschadenfreude. Mal wieder triffst du es sehr gut und den Nagel auf den Kopf. Gerade die Anmerkungen zum Wechselspiel aus Trennung und Anziehung passen sehr gut. Eine Ehe kann nur funktionieren, sofern beide Partner sich den Gezeiten gleich bewegen.
    Ehe fühlt sich im Laufe der Zeit anders an. Ganz anders. Der Grund für die Heirat war möglicherweise eine Mischung aus Liebe, Besitzanspruchdenken, Minderwertigkeitsgefühl und Angst vor dem Leben. Heute stellt das Überleben in der Ehe zunehmend als Kampf um das eigene Individuum ein, verbunden mit einer völligen Drehung meines Weltbildes.
    Klasse, dass du diese Gedanken aufgeschrieben hast.
    Gruß
    autumn

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  2. Noch eines: ich bin immer wieder begeistert über neue Literaturtipps. Wie bist auf Susan Sontag aufmerksam geworden?

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  3. Lieber autumn: Danke für Deinen weiterführenden Kommentar, hat mich sehr gefreut. Auf Susan Sontag bin ich zufälligerweise gestossen - war es ein Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung?
    Ich wünsche Dir schöne Sommertage, liebe Grüsse
    Peter

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