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Sonntag, 1. Juli 2012

Vom Sprung ins kalte Wasser

Sie sei vor einem Jahr von ihrem Mann nach 23 Jahren Freundschaft bzw. Ehe verlassen worden, erzählte sie mir kürzlich bei einem Glas Wein und einem feinen Teller Fleisch mit Brot und Käse. Und ja, sie habe sich seit einem Jahr zurückgezogen und könne sich von ihrem Mann emotional doch nicht trennen. Die gemeinsamen Jahre! Die gemeinsamen Kinder! Die gemeinsamen Stunden voller Vertrautheit! Sie könne sich daher keinem Mann mehr öffnen, zumindest noch nicht jetzt, das brauche noch Zeit. Ich höre ihrem Leben zu und stelle mir vor, wie sie mir gerade wortreich erklärt, dass ich mir nur keine falschen Hoffnungen machen solle. Und dann ihre Frage: ach, kannst du mich verstehen?

Gewiss, 23 gemeinsame Jahre wiegen schwer im biografischen Rucksack. Doch ist dies ein Grund für Resignation, Abschottung und Panzerbau? Schritt für Schritt ein neues Leben aufbauen und spüren kann doch wohl nur dann wirklich gelingen, wenn man sich parallel dazu öffnet. So wie man sich vor dem Sprung ins kalte Wasser annetzt und sich damit mit ihm anfreundet. 

Donnerstag, 28. Juli 2011

Das Kopfkissen teilen

Was ich mir jetzt kurz vor dem Einschlafen wünschte:
das Kopfkissen mit dir zu teilen.
Deinen Kopf auf meiner Brust zu spüren,
Deinen Atem wahrzunehmen,
Dich sanft zu streicheln.
Dir flüsternd eine Geschichte zu erzählen.
Die Ruhe in uns und um uns zu geniessen.
Das beredte Schweigen zu geniessen.
Einfach zu sein.

Montag, 27. Juni 2011

Tagträumereien

Wo wir es jetzt gemütlich haben könnten:

in Ascona zum Beispiel, auf der Hotelterrasse einen kühlen Weissen geniessend.

Dazu Melone, Parmaschinken, leicht gepfeffert.
Scampi auf dem Grill.

Die letzten Erdbeeren auf der Zunge zergehen lassen.
Später ein Grappa.
Alles mit Mass.

Noch später ein Bad im See (jetzt 20 Grad warm), dort, wo uns niemand sehen kann.
Herumblödeln.
Nur du und ich.
Nur Gegenwart.
Wir sollten es wagen.
Irgendwann.

Donnerstag, 9. Juni 2011

Das Fondue

Das trübe, regnerische und eher kühle Wetter erlaubt es den Käseliebhabern, zu ungewohnter Jahreszeit Fondue zu essen. So habe ich also heute Mittag ein Käsefondue gegessen. Mit allem drum und dran, d.h. mit einem kühlen Weissen aus dem Waadtland, mit viel Weissbrot und Kartoffeln, Essiggurken und feinem Kirsch. Dies alles in einer alten Spelunke in der Altstadt, wo seit Jahrzehnten eben dieses Gericht Tag für Tag aufgetischt wird.

Um uns herum ein eher älteres Publikum, Notare und dergleichen mehr, die erstaunlich hohe Dosen Wein ertragen können und ziemlich laut lachen. Fröhliche Tischrunden überall, es scheint, als gebe es auf dieser Welt keine Probleme. Auch ich gebe mich diesem frivolen Treiben hin, bestelle nochmals einen kühlen Weissen und fabuliere mit der Mama meiner Tochter über Gott und die Welt, ja, wir haben es feuchtfröhlich. An den langen Holztischen kommt man schnell ins Gespräch mit fremden Leuten. Zwei ältere Damen machen deftige Witze, am Nebentisch wird lautstark politisiert, und die flinken Kellnerinnen sind vor allem damit beschäftigt, den Wein zu servieren. Ich stelle fest: es ist ein normaler Donnerstag, es ist Mittag, trüb und grau und kühl ist es. Die Leute sind fröhlich, einige sind beschwipst, von Melancholie ist hier keine Spur zu spüren. Ich gebe mich also diesem Treiben hin, tue so, als sei alles in bester Butter, der Kirsch schmeckt in Kombination mit dem Fondue vorzüglich.

Ich denke nicht daran, wie schön es wäre, dich hier am Tisch zu haben. Und doch verfolgst du mich, bei jedem Schluck Weissen, bei jedem Bissen Fondue. Umso mehr hüte ich mich davor, eine weitere Runde zu bestellen. Weil ich dann umso mehr spüren würde, wie weit weg du doch bist.

Manchmal brauche ich verdammt lange, um dies endlich zu kapieren. Trotz Weisswein und Fondue.

Samstag, 15. Januar 2011

1017

Nur liegen
streicheln
plaudern

beseeltes Zusammensein
mit Blick auf den Rhein
breit und mächtig präsentiert er sich vor uns
im Churer Rheintal ist er noch ein Flüsschen

schon im letzten Mai war es der Rhein
der uns damals bei unserer ersten Begegnung begleitete

Zimmer 1017
nicht nur dies werde ich nicht vergessen
eigentlich ist nichts passiert an jenem Nachmittag
und doch
weil nichts passierte
ist so Manches passiert
ich liege in Deinen Armen und sauge den Augenblick auf
ich will ihn nicht loslassen
1220 Uhr
1300 Uhr
1430 Uhr
1545 Uhr
1650 Uhr...
gnadenlos ist die Zeit
der Rhein ist breit und mächtig
und alles fliesst und bahnt sich seinen Weg

Nieselregen
trüb und nass
ein kleines Glück auf Zeit
lange im Voraus geplant
dem Alltag entrissen

doch das Hier und Jetzt wird überlagert
so wie die Gegenwart von der Vergangenheit überlagert wird
wir sind freie Menschen
und eben doch nicht
du hast dein Leben
ich hab mein Leben
und jetzt kreuzen sich unsere Wege
für den Bruchteil einer Sekunde

streicheln
plaudern
ein verwegener Kuss, der seinesgleichen sucht
aber nichts Weitergehendes einläutet
und doch passiert viel an jenem trüb-nassen Nachmittag
ich weiss, wie es sich anfühlt
wenn das Herz in Harmonie schlagen kann

Riss
der Alltag ruft uns zurück
die Pflichten und jene,
die zu Hause auf uns warten

Du bist meine unerreichbare Liebe
und meine offene Wunde

glückliche Liebe, die gibts nie (Biermann)