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Freitag, 19. Juli 2013

Gedankensplitter

Es gibt Tage, da denke ich überhaupt nicht an meinen toten Vater. Dann ist er auch wirklich tot. Manchmal ist es anders, so wie heute. Und dann weiss ich nicht, was ich nun denken soll. Wo er sein mag? Oder daran, was war (da gäbe es so viel zu berichten)?
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Befinde mich aktuell auf einen Höhenflug. Destination unbekannt. Wer hoch fliegt, kann umso krasser abstürzen. Dagegen gibt es keine Versicherungen, und aktuell ist es mir auch egal.
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Übrigens mag ich den DDR-Krimi Polizeiruf 110. Hochspannend, wenn man den Streifen als Teil der DDR-Mentalitäts- und Ideologiegeschichte betrachtet. Ich mag den Kommissar Fuchs und die übrigen Gestalten ("Genosse Oberleutnant"), das Ganze ist wunderbar entlarvend, unterhaltend und letztlich auch gut gemacht.
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Gestern zu Besuch bei einer Kollegin. Ich frage sie während des Abendessens auf ihrer Terrasse mit Blick auf die Berge, was ihr eigentlich fehle. "Zärtlichkeit", sagte sie mir, einfach nur Zärtlichkeit.
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Hochsommerliche Temperaturen mag ich nicht, weil sie mich schlapp machen. Vor allem, wenn es auch feucht ist. Dann will ich nur eines: flüchten.

Dienstag, 18. Dezember 2012

Am Grab und anderswo


Ich komme nicht oft zu deinem Grab. Ich weiss, dass du das auch gar nicht möchtest. Weil du ohnehin nicht da bist, wo ich dich suchen würde. Es gibt Tage, da frage ich mich, wo du sein magst. Oder ist man dann einfach ganz weg, bloss noch Erinnerung, wenn überhaupt? Ja, und dann gibt es Tage, da denke ich überhaupt nicht an dich. Heute Abend jedoch musste ich spontan an dich denken, scheinbar grundlos. Und in solchen Momenten denke ich oft an die zahlreichen gemeinsamen Episoden. Du warst schon ein schräger Vogel und bewegtest dich jenseits der Konformität. Weisst du noch, damals in Diano-Marina (immer wieder!)? Ha, und später in Berlin und Budapest. Und überhaupt, unsere Mittagessen in unserer Heimatstadt...unsere kleinen Fluchten. Du im Engadin, schlotternd. Nun, heute Abend werde ich beim Essen an dich denken, weil ich weiss, dass du just mein heutiges Essen sehr schätzen würdest. Und später proste ich dir zu, augenzwinkernd. Tout ira bien. 

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Beim Alexanderplatz



Manchmal schaue ich mir meine bunte Fotosammlung an und erinnere mich dabei an Dinge, die ich beinahe schon vergessen habe. So wie an jenes verlängerte Wochenende in Berlin kurz nach der Wende. Ich lasse die Bilder Revue passieren und bin schon bald wieder im Gefühl von damals - oder ich glaube zumindest, jenes Gefühl damals gehabt zu haben, nämlich: ein Gefühl von Aufbruch und Freiheit, ein Gefühl, dass vieles möglich sei im Leben, ein Gefühl von Wärme und Zuversicht. Was ist davon übrig geblieben? Hoffen ja, aber wozu? 

Montag, 30. Januar 2012

Im Altersheim

Heute habe ich beim Zubereiten des Abendessens an meinen verstorbenen Vater denken müssen. Was ich vor meinem geistigen Auge sah, während ich gedankenversunken die Currysauce zubereitete:

Samstagmorgen, 0930 Uhr. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Altersheims plaudern bei Kaffee und frischen Brötchen. Es riecht nach Bodenwichse und Filterkaffee. An einem der Tische sitzt mein Vater. Als er mich sieht, freut er sich über meinen Besuch. Viel plaudern mag er nicht. Da, auf einmal, wird ein Sarg an den Tischen vorbei getragen. Es sei wieder jemand gestorben, sagt einer laut. Ja, wer denn, will eine Dame wissen. Achselzucken, während ein anderer meint, es sei wohl der Fritz, der da im "hölzernen Pyjama" liege. Mein Vater schweigt und tut so, als gehe ihm dies alles nichts an. Ob das denn immer so sei, will ich wissen, dass die Särge der frisch Verstorbenen durch das Kaffeehaus getragen werden. Ja, das sei so. Weil halt die Hintertüre zu klein sein. Schweigen an unserem Tisch, während an anderen Tischen munter weitergeplaudert, geschwiegen, gestritten oder gelesen wird. Dann denke ich mir: hier warten alle auf den Tod, so wie wir ja auch. Die einen verdrängen den Tod, die anderen reden über ihn. Andere schauen beim Anblick des Sarges demonstrativ weg, ein anderer steht auf, wieder jemand anders beginnt irgend ein Lied zu singen (oh du schöne Heimat).

Altersheim - schon der Name macht mich halbwegs krank. So lange es irgendwie geht, bleiben die Menschen zu Hause, die spitalexterne Betreuung, wie das bei uns heisst, macht es möglich. Mein Vater war leicht bis mittelschwer dement und zu schwach -und vor allem auch meine Mutter, die es nicht mehr aushielt-, um zu Hause bleiben zu können. Ihm blieb nichts anderes übrig. Ich sehe noch sein Zimmer, nein: sein Zimmerchen. Rechts das Waschbecken (Lavabo, wie es in der Schweiz heisst), links das Bett, ein kleines Sofa, ein kleiner Schrank - fertig. Ansonsten: jeder tut, was er will, Altersheime sind heute keine Gefängnisse mehr. Mein Vater ging anfänglich noch ein und aus - und verirrte sich prompt einige Male. Einmal irrte er an einem frühen Sonntagmorgen mitten in der Stadt umher - es war kalt, grau, Herbst. Die Polizei fand ihn und brachte ihn zurück, man informierte mich darauf. Keine schönen Geschichten.

Ja, solche und weitere Bilder kommen mir zeitweise in den Sinn - wie angeschossen, so wie heute Abend, an diesem grauen, kalten Januarabend, beim Zubereiten des Abendessens. Ich stehe mitten im Leben und doch lauert er auch auf mich, ich weiss es, so wie er überall lauert, täglich, und er kann jederzeit zuschlagen, in welcher Form auch immer.

Und ich stelle mir vor, wie es heute im Altersheim wohl war: das übliche Tagesprogramm für jene, die mitmachen wollen. Gemeinsames Singen und etwas Turnen. Nachmittags kommt vielleicht in Clown vorbei mit Hund, alte Menschen werden oftmals wie Kinder wahrgenommen und behandelt. Und morgen wird vielleicht wieder ein Sarg vorbei getragen, wenn Kaffee und frische Brötchen aufgetischt sind und Frau Müller und Herr Maier Geschichten aus vergangenen Zeiten erzählen. Und ich werde arbeiten und so tun, als gehe mich dies alles nichts, aber auch gar nichts an. 

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Unwiderruflich

Er sitzt gegenüber mir im Zugsabteil. Sein Atem ist schwer, sein Gesicht von Alter gezeichnet. Sein Blick ist unruhig, ja nervös, er scheint gehetzt zu sein. Ich schaue ihn wie beiläufig an, doch seine Augen scheinen die Umwelt kaum zu registrieren. Er erinnert mich an meinen verstorbenen Vater. Manchmal vermisse ich ihn, gerne würde ich mit ihm, wie damals, auf eine Zechtour gehen und über alles und nichts diskutieren. Was mich immer wieder beschäftigt (ach, das ist wohl ein zu starkes Wort) ist das absolut Unwiderrufliche am Tod.

Mittwoch, 14. September 2011

Damals im Spital

Auch wenn ich meine Tage herunterspule und von Termin zu Termin springe, finde ich doch Momente des Innehaltens. Nicht immer ist mir klar (ja oftmals ist es mir absolut rätselhaft), weshalb mir dabei diese oder jene Gedanken durch den Kopf schiessen. Gestern zum Beispiel habe ich mich gefragt, ob es richtig gewesen sei, meinen Vater im Spital allein zu lassen, damals, an jenem trüben Novemberabend. Warum blieb ich nicht, und warum habe ich nicht darauf bestanden, dass mein Vater in die Intensivstation verlegt wird? War ich selber so abgekämpft, dass ich einfach nicht mehr konnte, keine Kraft mehr hatte und einfach nur noch nach Hause wollte? Diese Frage wird mich weiter verfolgen, ich ahne es. Und ich werde darauf wohl nie eine für mich befriedigende Antwort finden.

Freitag, 29. Juli 2011

Die blaue Truhe im Keller

Heute Morgen war ich in meinem Keller und bin, wie zufällig, über eine kleine blaue Truhe gestolpert. In dieser hatte ich beim Tod meines Vaters allerlei Material, das ich in seinem Zimmer im Altersheim vorfand, verstaut, ohne damals genauer hinzugucken. Ich war in jenen trüben Novembertagen zu sehr mit der bevorstehenden Beerdigung und den damit einhergehenden Verpflichtungen beschäftigt, so dass alles Material -Briefe, Fotos, allerlei Kleingedrucktes, Hefte, Zeitungen, Flugtickets der Swissair, Versicherungsurkunden etc.- in die Truhe warf.

Heute Morgen habe ich sie mit Ehrfurcht geöffnet. Langsam sichte ich das Material, sortiere es und beginne die diversen Briefe, Tagebucheinträge etc. aufmerksam zu lesen und die alten Fotos zu bestaunen. Das Material ist in erstaunlich guter Qualität, die Briefe bzw. Fotos kaum vergilbt. Wie eine Faust schlägt mir die Vergangenheit mit voller Wucht entgegen. Mit staunenden Augen gehe ich einen kleinen Teil des Lebens meines Vaters durch und nehme von seinen diversen Lebensstationen Kenntnis: mein Vater als Artillerieangehöriger im Militärdienst an der Grenze (1943-45), mein Vater mit mir nicht bekannten Leuten in der Kronenhalle in Zürich am Feiern (die alte Speisekarte einschl. der Rechnung liegen bei), mein Vater als kleines Kind, als junger Liebhaber oder Ehemann, mein Vater in der Badehose am Meer, mein Vater als Kaufmann, mein Vater in seinem schnellen Auto. Dann: alte Briefe, geschrieben von seinen Söhnen aus erster Ehe, lieber Papa, wir haben dich gern oder: danke für das schöne Geschenk, wann sehen wir uns wieder? Ich gehe das Material immer wieder durch, dabei denke ich mir Geschichten aus, wie es denn hätte sein können, damals im Militärdienst, damals im Zürich der frühen 50er Jahre, damals am Meer, damals in der Stadtwohnung in Zürich. Mein Vater muss bereits als junger Mann gut verdient haben, das verraten seine Kleider auf den Bildern, die diversen Rechnungen von Restaurants, Hotels und dergleichen mehr, die Aufnahmen aus der damaligen (ersten?) Wohnung, da ist wenig Kleinbürgerliches zu spüren. Mein Vater hatte seine Ausgaben, zumindest eine Zeit lang, minutiös protokolliert, selbst Ausgaben für Briefmarken und Gespräche aus der Telefonzelle wurden vermerkt: Ausdruck von Pedanterie oder von zwinglianischer Tugend. Ich kann mich von diesem historischen Material kaum lösen, gierig gehe ich es als Sohn (also emotional) und als Historiker (mit dem Versuch, Distanz und damit Objektivität einzunehmen) immer wieder durch, lese die alten Zeitungsausschnitte, nehme von dieser oder jener Notiz Kenntnis. Und ich ertappe mich dabei, wie ich mir immer wieder Geschichten ausmale, wie es denn hätte sein können. Alltagsgeschichte (nahe stehender Menschen) als Ausgangspunkt für allerlei Phantasien und Projektionsflächen.

Später stösst meine Tochter dazu und bestaunt mit grossen Augen das vorhandene Material. Ja, sage ich ihr, so war es damals, glaube ich.

Samstag, 13. November 2010

Auf dem Friedhof

Heute war ich mit meiner Tochter wieder einmal auf dem Friedhof, genauer: beim Grab meines Vaters. Rituale sind wichtig, namentlich für Kinder. Meine Tochter empfindet den Tod (immer noch) als eigentlichen Skandal. Es sei gemein, dass man stirbt. Ich versuche zu erklären und erläutere ihr, dass der Tod zwangsläufig zum Leben gehört. Aber das will sie nicht verstehen. Ich insistiere nicht. Dann geht sie von einem Grab zum anderen, liest die Jahreszahlen auf den Grabsteinen und rechnet jeweils, wie alt die verstorbene Person geworden ist. Gleichzeitig beobachte ich eine alte Frau, wie sie, leicht zitternd, zu einem Grab geht. Ich lese auf dem Grabstein: Arthur Flückiger, 1919-2007. Ihr Mann, denke ich mir. Er ist alt geworden. Sie berührt mehrmals den Grabstein, steht vor dem Grab und schweigt. Dann entfernt sie alten Blumen, die sie wohl vor einigen Tagen vorbei gebracht hatte, und schmückt das Grab mit frischen Blumen. Was mag sie wohl denken, fühlen? Wie lange kannten sie sich, 50 Jahre, 60 Jahre? Und nun ist sie allein, seit drei Jahren, und besucht regelmässig das Grab ihres verstorbenen Mannes. Wer wird mein Grab dereinst besuchen?

Freitag, 25. Juni 2010

Friedhöfe

Mein Vater ist Ende 2007 gestorben. In der letzten Zeit denke ich nicht mehr viel an ihn, und doch kommt es mir plötzlich "in den Sinn", dass mein Vater gar nicht mehr lebt, und ich empfinde Trauer. Auch war ich schon des längeren nicht mehr auf dem Friedhof, und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich den Weg zu seinem Grabstein auf Anhieb finden würde (ich werde dies in den nächsten Tagen tun). Meine Tochter spricht dann und wann über ihren verstorbenen Grossvater. Noch vor wenigen Monaten hatte sie regelrechte "Traueranfälle" und vermisste ihn sehr.
Was ich an Friedhöfen sehr schlecht ertrage sind Kindergräber. Wenn ich an ihnen vorbei gehe und die Jahrgänge zur Kenntnis nehme, stehe ich ratlos da und versuche, mich in die Lage der Eltern zu versetzen. Dann empfinde ich nur noch eine unerträgliche Leere und Sinnlosigkeit.

Friedhöfe sind aber auch Oasen der Ruhe und der Besinnung.
Und der Kraft und der Hoffnung.

Montag, 18. Januar 2010

Altersdemenz

Heute habe ich wie angeschossen und ohne ersichtlichen Grund an meinen Vater gedacht. Ich sah ihn vor meinem geistigen Auge, wie er rund zwei Jahre vor seinem Tod an einem Samstagmorgen im Schlafanzug plötzlich in jenem Restaurant stand, das wir seit Jahren zusammen aufsuchten. Da stand er also, leicht verwirrt, er ahnte, dass ich da sein musste.

In solchen Momenten ist man hilflos, ich jedenfalls war es, da stand also mein Vater, er, der stets gepflegt und elegant durch die Welt zog, sah aus wie ein ärmlicher Schlucker, schlecht rasiert, im Schlafanzug, darüber das schräg anliegende Hemd. Er sei aus dem Heim gegangen, habe niemandem etwas gesagt, sagte er mir an jenem Samstagmorgen. Dann haben wir zusammen getafelt, Butter, Konfitüre, Gebäck, Käse, alles, was dazu gehört zu einem Frühstück an einem Samstagmorgen. Da war er also, mein Vater, 82 jährig, er freute sich ob dem Augenblick, derweil das Heim sich bei mir mittels Handyanruf schon nach ihm erkundigte, ich beruhigte die Dame, dann war alles in Ordnung.

Er wurde damals auch schon von der Polizei aufgegriffen, einmal an einem frühen Sonntagmorgen mitten in der Stadt, es war ein nasskalter Wintertag, als sie ihn aufgriffen, er sass verwirrt auf einer Bank und starrte vor sich hin.

Das Leben ist kurz.