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Sonntag, 24. März 2013

Randnotiz am Sonntagabend

Heute in der Sauna sprang mich heimtückisch der Ekel an. Plötzlich war er da. Unangemeldet. Ich sah nur noch Berge von Fleisch, schwitzendem Fleisch, das sich der Hitze aussetzt, um bald darauf vom Eis geschüttelt zu werden.
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Ich stelle mir vor:
Niemand kennt dich, niemand kennt mich.
Nur wir kennen uns
verdammt gut und
überhaupt nicht.
Der Rotwein schmeckt vorzüglich.
Danach gibt es nur noch Atemlosigkeit, die ständig mit neuem Sauerstoff gefuttert wird,
um dem ungebändigten Drang
nach Leben
umso mehr
nachzugeben. 

Mittwoch, 6. März 2013

Abends an einer Theke

Gelegentlich gehe ich abends spontan und ohne jegliche Abmachung in die Stadt, lasse mich treiben und lande, vielleicht, an einer Theke. Jene, die alleine da sitzen, starren entweder auf ihr Bier (meistens ist es Alkoholika) oder spielen nervös mit ihrem Handy, als ob sie kommunizieren würden (vielleicht tun sie es ja auch). Ich bestelle meistens ein kleines Bier (2,5 dl), wenn ich Lust darauf habe, und beobachte das Geschehen. Ich sehe vor allem unzufriedene Gesichter oder solche mit leerem Blick. Es sieht nicht so aus, als würden sie ein Gespräch suchen, aber warum sitzen sie inmitten von Menschen und trinken Bier, möchte man rhetorisch in die Runde werfen. Frauen sind selten alleine zu sehen, und wenn doch, dann signalisieren sie gewissermassesn präventiv Desinteresse und spielen mit ihrem Handy, wühlen in ihre Handtaschen oder wissen nicht, wohin sie blicken sollen. Es ist nicht so, dass ich einen Marktplatz schwatzwilliger Menschen erwarte, wenn ich ein Lokal betrete, aber etwas mehr Offenheit täte ja schon gut. Wenn ich mich herumhöre in meinem Bekanntenkreis, so wird meine Wahrnehmung grossmehrheitlich geteilt: wir Schweizer sind zurückhaltend, mitunter kühl, abweisend, eher nicht gesellig, und wenn doch, dann in der Gruppe. Bei der ersten Begegnung herrscht vorerst einmal Skepsis wohl nach dem Credo: was will der Kerl bloss von mir?

Soll ich nun das Klischee des unbeschwerten Südländers bemühen? Ich war noch nie in Bologna, ob es dort anders ist? Oder irgendwo in einer pulsierenden Stadt in Spanien, es muss ja nicht immer Madrid oder Barcelona sein. Ich könnte abends gegen 22 Uhr den Zug besteigen und 10 bis 12 Stunden später dort den Test antreten, irgendwo mich setzen, niemand würde mich kennen, ich würde ein Glas des regionalen Weins bestellen und mich herum sehen und dann ...

zum Schluss noch dies:
wie heisst es sinngemäss irgendwo in Sartres Roman "der Ekel": Paris, New York, Tokio: irgendwann ist alles dasselbe. 

Mittwoch, 31. August 2011

unerbetener Besuch

Heute packte mich wieder einmal für einen kurzen Moment das Gefühl des allumfassenden Ekels. Wie angeworfen und ohne ersichtlichen Grund. Alles wurde mir fremd, meine Tätigkeit, meine Umwelt, ja gewissermassen alles, was mich umgab, ohne dass man es mir angesehen hätte. Da war es also wieder da, dieses Gefühl des in-die-Welt-geworfen-sein. In solchen Momenten gibt es keinen sicheren Boden mehr unter den Füssen, keinen sicheren Halt, keinerlei Sicherheiten, nichts. Man nimmt nur noch einen Abgrund wahr, den absoluten freien Fall. Und plötzlich, wie der Ekel gekommen ist, war er auch wieder verschwunden.

Montag, 29. März 2010

schreckliche, nagende Unruhe

Heute Abend attackiert mich eine unbeschreibliche, nagende und unbarmherzige Unruhe, ich weiss nicht, woher sie kommt, ich kann sie nicht lokalisieren, aber sie verfolgt mich auf Schritt und Tritt. Nichts kann mich trösten, und wenn doch, dann für einen Moment, immerhin, Musik, oder Literatur, ich lese wieder vermehrt Frisch, namentlich seine Tagebücher. Wohin geht die Lebensreise, jetzt, wo man "mitten im Leben" steht? Ich weiss es nicht. Alles bleibt im Fragmentarischen, es gibt keine Sicherheit. Anstrengend ist das Leben. Was ich vor allem vermisse ist eine gewisse Gnade, eine Gnade des Lebens. Aber Gnade lässt sich nicht verordnen, man findet sie vor oder eben nicht. Man muss an ihr glauben. Allein, mir fehlt dieser Glaube.

Zur Zeit liebe ich die Musik von Sophie Hunger, vor allem in solchen Augenblicken nagender Unruhe, erstaunlich, dass mich Musik einer 29 jährigen Frau so fesseln kann. Sie bringt etwas zum Ausdruck, das mich tief berührt und erschaudern lässt.
Genau so fühle ich mich heute Abend, wie dieser Song - Rise and Fall.

Dienstag, 16. Februar 2010

Der Ekel holt mich wieder ein

Heute Abend bin ich in einem gewissen Sinne rastlos, getrieben von innerer Unruhe. Beruflich stehe ich an einem Scheideweg, und auch sonst geht bei mir einiges drunter und drüber. In solchen Situationen fehlt es mir oftmals an mentaler Stärke, ich hadere (jammere aber nicht) und fühle mich einsam - einsam im existenzialistischen Sinn.

Dann kommt der Ekel auf, die Existenz an sich wird zu einer schier unerträglichen Belastung. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich a) nach draussen gehen soll, an die Kälte des späten Abends b) ein Bad c) Musik hören d) Gitarre spielen e) ein Buch lesen soll - oder was auch immer. In solchen Momenten ist Konzentration kaum möglich, schreiben wird zur Therapie, die immerhin temporär wirkt, solange ich schreibe, ich lasse mich treiben vom Schreiben, was mich beruhigt. Aber ich weiss: es ist eine vorübergehende und letztlich trügerische Therapie, weil sie nur momentan hilft, der Ekel ist da, er wird dominanter und wird mich des Nachts heimsuchen.

Was schwer wiegt, ist das Warten. Warten worauf? Auch dies ist nicht klar zu umschreiben, aber ich ahne, dass es ein Warten ist auf Befreiung, Befreiung von den Ängsten und Zwängen der Existenz. Auch habe ich mittlerweile erfahren müssen, dass diese Befreiung nur von Innen her kommen kann. Alles, was von Aussen "Abhilfe" verschafft (oder Abhilfe verspricht), ist volatil, unberechenbar und letztlich vergänglich.

Der Zustand des Ekels ist, zumindest für mich, gottlob vorübergehender Natur. Er kommt und geht in regelmässigen Abständen. Nicht Eingeweihte verwechseln diesen Zustand mit Depression oder depressiver Verstimmung, aber es hat nichts damit zu tun. Es ist vielmehr Leiden an der Existenz.

Antoine Roquentin widerfährt etwas Unglaubliches: Sein normales, belangloses Leben plätschert plötzlich nicht mehr so dahin wie vorher, sondern wird für ihn zur Belastung, zur Qual. Ein Stück Papier, ein Kieselstein, selbst seine eigene Hand erregen in ihm ein diffuses Unbehagen: den Ekel. Dieser Zustand verschlimmert sich zusehends. Die Menschen in der Bibliothek, seine verflossene Geliebte, seine Tischgenossen – alle rufen in ihm den Ekel hervor. Es braucht knapp 300 Seiten minutiöser Selbstbeobachtung, bis Roquentin herausfindet, was bei all diesen Gelegenheiten das Ekelgefühl in ihm ausgelöst hat: Es ist die schiere Existenz – und ihre Sinnlosigkeit. Angesichts einer Welt, in der alles ziel- und sinnlos existiert, muss sich der Mensch selbst sinnlos vorkommen. Mit Der Ekel stellte Sartre schon Jahre vor seinem philosophischen Hauptwerk Das Sein und das Nichts die Kernfragen des Existenzialismus vor. Das Buch ist schwierig, gerade weil es einen mühsamen Erkenntnisprozess beschreibt und weil Sartre unterschiedliche Darstellungsformen verwendet, um Roquentins Ekel zu schildern. Der Roman machte Sartre schlagartig bekannt und stellt die wichtigste literarische Verarbeitung seiner existenzialistischen Philosophie dar.