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Sonntag, 4. März 2012

Erinnerungen

Erinnerungen.
Wie angeworfen.
Sommer, Seeufer, blauer Himmel.
Schwäne da und dort.
Kreisende Möwen.
Viel Zeit bleibt nicht.
Erbarmungslos läuft sie davon.
Unser Bummel ohne Ziel.
Vor allem: ohne jegliche Zukunft.



Wir wissen es, natürlich.
Und leben trotzdem
oder vielleicht gerade deswegen
den Augenblick
umso intensiver.
Momente, die zur biografischen Geschichte mutiert sind.
Loslassenkönnen, schön herbeigeredet!

*******
Nachtrag (Sonntagmorgen, 4. März)
notiert und immer wieder in Erinnerung gerufen:
Erinnerung ist Befreiung (jüdisches Sprichwort)
Wie wahr!!!

Montag, 18. Juli 2011

Beim Wandern notiert

  • Nähe kann unerträglich werden, sie kann erdrücken und damit Fluchtgedanken auslösen. Wer die Freiheit des anderen nicht respektiert (aus welchen Gründen auch immer), begeht eine Grenzüberschreitung. Liebe zeichnet sich namentlich dadurch aus, dass sie loslassen kann. Wer demgegenüber den anderen zu kontrollieren versucht, liebt nicht, sondern will besitzen - aus Habgier, aus Unreife, aus Angst, aus welchen Gründen auch immer.
  • Nähe bedingt, einer Pendelbewegung gleich, Distanz, sonst droht der Erstickungstod.
  • Lebenskompromisse sind längerfristig nicht lebbar.
  • Zivilcourage ist ein Wort, das leicht auszusprechen ist. Sie auszuleben ist jedoch bedeutend anspruchsvoller.
  • Jeder braucht seine Geheimnisse und seine Freiräume. Wer ihm/ihr diese nicht zubilligen kann oder will, will herrschen, nicht lieben.
  • Sollte ich jemals wieder mit einer Frau unter dem gleichen Dach wohnen (ich kann es mir aktuell überhaupt nicht vorstellen): ich bräuchte zwingend ein eigenes Schlafzimmer.
  • nochmals notiert: bedingungslos lieben tue ich einzig meine Tochter.

Freitag, 8. Juli 2011

Ankunft und Abschied

Heute ist bei uns der letzte Schultag, die Sommerferien beginnen am Montag. Mitte August gehen dann die Kinder in die nächst höheren Klassen. Wie schnell doch ein Schuljahr vorüber geht...

Ankunft und Abschied und damit Loslassenkönnen, ein Leben lang.

Zwischen diesen beiden Polen leben wir unser Leben und blenden dabei die Gesetzmässigkeit dieses ewigen Fliessens allzu oft aus. Stattdessen wollen wir uns lieber an vermeintliche Felsen (Liebe? Ehe? Partnerschaft? Freundschaft? Status? Geld? Ruhm? Tradition?) festhalten.

Weil es halt beruhigt.

Haydn hat bekanntlich eine Abschiedssymphonie komponiert. Im 4. Satz verlassen die Musikerinnen und Musiker sukzessive das Orchester, am Schluss bleibt nur noch der verdutzte Dirigent übrig und steht verloren vor leeren Rängen.

Ankunft und Abschied - Loslassenkönnen, ein Leben lang.

Die nachfolgende Aufführung des erwähnten 4. Satzes aus Haydns Abschiedssymphonie mit Daniel Barenboim ist an Witz und Ironie nicht zu überbieten. Wenn ich wieder einmal Mühe habe mit dem Loslassenkönnen, so werde ich Haydn auflegen und mitsummen - möglichst heiter und augenzwinkernd.

Montag, 6. Juni 2011

Auf der Wanderung

Ich probiere Geschichten an wie Kleider
Max Frisch

Wandern in den Bergen hat etwas Befreiendes. Alles relativiert sich angesichts der scheinbar unendlichen Weiten, wenn man auf dem Gipfel angekommen ist und sein Herz vor Anstrengung spürt und pochen hört. Ich stelle mir vor:

Sie haben eine ausgiebige Wanderung vor sich. Im Rucksack: eine Thermosflasche mit Schwarztee (versetzt mit viel Zucker), Birnen, Wurst, etwas Gemüse, Wasser. Sie haben ein bestimmtes Ziel auf 2800 Meter vor Augen, welches sie mit zügigen Schritten anpeilen. Unterwegs reden sie nicht viel miteinander, weil es angesichts dieser Weiten nicht viel zu erzählen gibt. Er findet bald seinen eigenen Rhythmus und kommt in eine Tiefenatmung. Er sieht, wie sie dem Grat entlang aufwärts läuft, mit sicheren Schritten, die langen Haare zu einem Rossschwanz gebunden. Sie ist keine Fremde mehr, und doch bleibt sie ihm in einem gewissen Sinne fremd, auch nachts, wenn sie neben ihm liegt und friedlich schläft. Er will auf dieser Wanderung vor allem eines: in dieser schmalen Gegenwart bleiben, aber es gelingt ihm nicht. Alles mögliche geht ihm durch den Kopf, längst Vergessenes auch. Er will sich üben im Loslassen. Je mehr er sich anstrengt, umso mehr muss dieses Unterfangen misslingen.

Bald ist er mental woanders, in seiner Kindheit, dann, zum Beispiel, am Rheinufer. Zuvor haben sie in der Flughalle abgemacht, seine Maschine landet pünktlich. Hoher Pulsschlag bei der Begrüssung. Dann vertraute Momente mit einer Frau, die er doch nicht kennt, aber glaubt zu kennen. Projektionen? Mag sein. Er spürte ihre zärtlich-zierliche Hand, mehr war gar nicht notwendig. Ein Gefühl, angekommen zu sein.

Rast. Er isst seinen Apfel und erzählt etwas Belangloses. Smalltalk. Er schwitzt aus allen Poren und geniesst es, seinen Körper zu spüren, wie er noch voll im Saft ist und den steilen Weg ohne Probleme meistern kann. Die Sonne unbarmherzig heiss, Bäume sind kaum mehr vorhanden, da die Baumgrenze längst überschritten ist. Gegen den Durst hilft der warme Schwarztee. Er will ganz hier in den Bergen sein, was ihm nach wie vor nicht gänzlich gelingt. Seine Gedanken machen ihm einen Strich durch die Rechnung.

Was er lernen will: Loslassen-Können.
Oben angekommen: tief durchatmen. Die Aussicht ist atemberaubend. Er kennt längst nicht alle Gipfel, die er zu Gesicht bekommt. Die Karte verschafft Orientierung.

Gibt es so etwas wie eine Lebenskarte?
Dann: Shit, wie schnell die letzten drei Jahrzehnte vergangen sind!

Was mache ich hier oben überhaupt?

Ganz im Moment ist er in der Gegenwart seiner Tochter. Augenblicklich vermisst er sie, ihre Unbekümmertheit, ihre offene Art, auf das Leben zuzugehen. Das verlängerte Wochenende dauert noch wenige Tage, er wünscht sich den Montag herbei.

Später werden sie zusammen kochen. Safranrisotto, Kalbspiccata, Salat. Dazu einen Roten aus Sizilien. Woran denkst du? fragt sie. Er weiss es, verraten will er es aber nicht. Stattdessen thematisiert er die Gründung des Königreichs Italien vor 150 Jahren (passend zum Essen und zum Wein), das verschafft ihm Distanz. Grappa mag er heute nicht.

Montag, 9. Mai 2011

Gunter Sachs

Gunter Sachs, Lebemann und Playboy, hat sich in seinem geräumigen Luxuschalet in Gstaad das Leben genommen. In seinem Abschiedsbrief erklärte er, dass er an Alzheimer erkrankt sei und es nicht länger ertrage, Zeuge seiner unheilbaren Krankheit zu sein. Er, der Ästhet, der alles Schöne dieser Welt über alles liebte, wollte nicht dahinsiechen. Wollte vielmehr bis zum letzten Augenblick seines Lebens Herr über seine Sinne sein, nicht abhängig werden von Drittpersonen, nicht dahinvegetieren irgendwo in einem Altersluxusheim.

Gunter Sachs war ein Mensch, dem äussere Reize sehr wichtig waren: schnelle Autos, schöne Frauen, Geld, Status...hatte er demgegenüber zu wenig innere Werte? War er so besessen vom äusseren Schein, dass er es nicht ertrug, dem Leben seinen natürlichen Lauf zu lassen? Wollte er so etwas wie ewige Jugend? Ewige Potenz? Ewig im Mittelpunkt des weiblichen und gesellschaftlichen Interesses stehen?

Ich kann seine Motivation durchaus nachvollziehen. Auch ich möchte nicht Spielball von Pflegenden werden, abhängig von ihnen sein in jeder Hinsicht, nicht mehr fähig sein, selbständig eine Dusche zu nehmen, nicht mehr fähig sein, mich morgens rasieren zu können. Schlimmer noch: bei vollem Bewusstsein zu registrieren, dass die geistigen und körperlichen Fähigkeiten abnehmen, dass der Orientierungssinn nicht mehr in Ordnung ist, dass das Gehirn schlicht nicht mehr das leisten kann, was es eigentlich leisten sollte.

Einerseits finde ich es traurig, dass ein Mensch es offenbar nicht ertragen kann, alt zu werden mit allen Begleiterscheinungen, die bei diesem natürlichen Prozess gegeben sind bzw. sein können. Doch man kann es auch anders sehen: Gunter Sachs war in seinem Leben und Handeln radikal bis zu seiner endgültig letzten Entscheidung. Er wollte nur eines: das volle, üppige Leben, und sonst gar nichts. Mit dem "anderen" Leben, den Schattenseiten, wollte er einfach nichts zu tun haben. Er wollte in aller Souveränität sterben, selbstbestimmt und bei vollem Bewusstsein.

Dienstag, 31. August 2010

unerfüllte Liebe

Ausgangspunkt meiner nachfolgenden Zeilen ist ein Beitrag von Anna.
In ihrem Blog schreibt sie heute unter anderem folgendes:

was geht in dir nur vor?
dass du dir einbildest, sehnsucht haben zu dürfen?
nach mir.
grausam gönn ich dir deine sehnsucht.
du sollst wissen, wie weh sie tut.
ich, für mich, will keine sehnsucht mehr haben.
genug ist genug.
deshalb tauche ich jetzt mal unter.
dorthin, wo deine sehnsucht mich nicht erreichen kann.

Anna liebt einen verheirateten Mann, einen Mann, von dem sie weiss, dass er seine Familie womöglich nie verlassen wird.

In beiden brennt das Feuer, die Leidenschaft und die Sehnsucht.

Und Anna gönnt ihm gar die brennende Sehnsucht, er soll wissen, wie sich das anfühlt. Nicht nur sie soll ob der Sehnsucht leiden, nein, auch er soll spüren, wie sich der Schmerz anfühlt. Und Anna will untertauchen, mag diese Sehnsucht nicht mehr aushalten, mag für seine Sehnsucht nicht erreichbar sein.

Anna und ich haben eine Gemeinsamkeit.

Wir lieben eine verheiratete Person und wissen, dass sie in ihrer Ehe bleiben wird, aus welchen Gründen auch immer.

Anna rebelliert gegen diese Lebensumstände.
Ich beginne, diese Lebensumstände zu akzeptieren.
Als Prozess - Rückschläge eingeschlossen.

Nicht, dass ich dies von Anfang an gekonnt hätte.

Ich litt.
Und jetzt?

Aus dem stechenden Schmerz ist eine wärmende Sehnsucht geworden.
Aus dem Schrei der Sehnsucht ist ein zärtliches Flüstern geworden.
Aus der Hoffnungslosigkeit Einsicht in die Notwendigkeit.

Weil Liebe auch akzeptieren bedeutet.
Weil Liebe Verzicht bedeutet.
Weil Liebe letztlich bedingungslos ist.

Wenn ich gar ahne, dass sie glückliche Momente mit ihrem Mann verbringt,
so erfüllt mich dies nicht zwingend mit Eifersucht.
Manchmal zwar schon.
Aber ich beginne, mich für sie zu freuen.
Weil es ihr gut geht.
Und weil ich weiss, dass man auch zwei Menschen lieben kann
ein jeder auf seine Weise.
Wider das Entweder-Oder-Denken

Ich will nicht missverstanden werden:
Ich bin kein Held.
Ich rebelliere zeitweise gegen diese monströsen Lebensumstände,
die ein Zusammenführen nicht erlauben.
Auch in mir brennt die Sehnsucht.
Und die Leidenschaft.
Und ich höre ihn nachts, den entfernten Zug, wie er vorbei rast und mir sagen möchte: komm, steh auf!
In mir machen sich Phantasien breit.
Ein nächtliches Telefonat, in welchem sie mir sagt:
mein Mann und ich trennen uns.

Und doch

auch wenn es nie so sein wird, und davon gehe ich zweifelsfrei aus -
sind und bleiben wir miteinander verbunden.
Können nicht die Finger voneinander lassen.
Ein Wochenende ohne Kontakt ist ein verlorenes, tristes Wochenende.
Zwei Menschen, die sich auf mysteriöse Weise kennen gelernt haben
und genau spüren, dass sie sich lieben.
Und dies immer wieder bezeugen.
Und dennoch nie zusammen kommen

Liebe heisst loslassen
Liebe heisst, den Schmerz der Abwesenheit zu ertragen
Mehr noch: Liebe heisst, den Augenblick zu geniessen, die pure Gegenwart.
Vor allem auch:
Liebe heisst zu würdigen, dass man sich überhaupt begegnet ist.

Glückliche Liebe, die gibt's nie

Die Kraft nicht, noch die Schwäche, nichs hat der Mensch auf Dauer,
sein Herz verblüht und breitet er dann die Arme aus,
kommt dabei an der Mauer ein Kreuz als Schatten raus.
Er lebt sein Leben hin, kaum krallt er sich sein Glück,
schon hat er es erwürgt!
Verlust ist sein Gewinn,
glückliche Liebe, die gibts nie.

Wolf Biermann

Freitag, 25. Juni 2010

Radikal genug?

Folgende Fragen eines Lesers oder einer Leserin sind mir als Reaktion auf einen Beitrag gestellt worden:

Hast du schon einmal (...) den Entschluss gefasst, nicht mehr vom Sofa aufzustehen, bevor du nicht eine endgültige, eine absolut unumstössliche Antwort auf deine Frage gefunden hast? Wie stark ist deine Entschlusskraft? Wie hilfreich sind Dusche, Kaffee und Sonntagszeitung wirklich?Wie ernst ist es dir wirklich, mit diesen existentiellen Fragen? Wie weit geht deine Opferbereitschaft, wenn es darum geht, herauszufinden, wer du bist? (Wärest du bereit, deinen Job hinzugeben? Deine Altersvorsorge? Deine Hand? Dein Sehvermögen? Deine Erinnerungen? Das, was dir am liebsten ist?)

Nun, Buddhist bin ich nicht, noch weniger ein Buddha, und an endgültige, unumstössliche Antworten glaube ich ohnehin nicht, weil endgültige Antworten nach Ideologie, um nicht zu sagen nach Fanatismus und Starrheit riechen, und das mag ich definitiv nicht (vielmehr dies, Biermann zitierend: "nur wer sich ändert, bleibt sich treu", und dies kann nur, wer sich nicht an endgültige Antworten klammert und sich vielmehr dem Fluss des Lebens und der Erfahrungen anvertraut). Um zu mehr Selbsterkenntnis zu kommen bin ich durchaus bereit, einiges in Kauf zu nehmen, aber nicht alles radikal umzukrempeln. Dazu bin ich vermutlich zu feige, zu träge, zu bürgerlich, was weiss ich. Aber ich bin trotzdem offener geworden, was Veränderungen anbelangt. Was mir dabei am meisten hilft ist Widerspruch und das gnadenlose Spiegeln. Ich bin kritikfähig geworden und lass es gerne zu, wenn ein Mensch, den ich mag, mich auf diese oder jene Widersprüche aufmerksam macht. Das war nicht immer so, früher reagierte ich zeitweise heftig und beleidigt auf "Kritik".

Auch gebe ich zu, dass ich mich gerne ablenken lasse, ja, ich liebe Rituale, ich liebe meine Sonntagszeitungen und heissen Kaffee. Ich bin kein Asket, habe aber dennoch eine gewisse Affinität (oder zumindest Sympathie) zu calvinistischer Strenge, wobei mir diese in den letzten Jahren zusehends abhanden gekommen ist. Ich habe zudem einen unruhigen Geist, bin emotional wenig diszipliniert, lasse mich manchmal zu unüberlegtem Handeln hinreissen und neige zeitweise zu Pessimismus und Trübsal. Die Frage, was morgen sein wird, treibt mich stets an, und die Tatsache, dass ich nächstes Jahr den 50. Geburtstag über mich werde ergehen lassen, kann mich zeitweise beelenden, weil ich das Gefühl habe, ich würde den Zug verpassen, ich mag mich noch so anstrengen, die Fahrpläne studieren, die Uhr richtig einstellen, aber der Zug fährt immer wieder weg, ohne mich. Dann habe ich in solchen Momenten das Gefühl, bloss Beobachter dieser Welt zu sein und nicht aktiv das Geschehen beeinflussen zu können. Gerade in solchen Momenten wünschte ich mir mehr Gelassenheit.

Dienstag, 22. Juni 2010

Das Ende der Illusionen (II)

Ich bin heute von manchen Illusionen befreit worden. Intuitiv wusste ich, dass eine Beziehung zu A. nicht zustande kommt, zu kompliziert die Lebensverhältnisse, zu kompliziert die Ausgangslage, zu gross die räumliche Distanz und die damit einhergehende Ortsgebundenheit auf beiden Seiten usw. Und dennoch, ich hielt lange diese Illusion aufrecht, wohl deshalb, weil ich eine starke Anziehung verspürte - und immer noch verspüre, also wollte ich so lange wie nur möglich mit dieser Illusion leben, weil sie mir so gut tat, also log ich mich selber an, ich wollte der für mich bitteren Wahrheit nicht ins Auge schauen, obwohl die Faktenlage und die Hinweise mich hätten wachrütteln sollen. Ich bin nun dazu aufgerufen, mich emotional zu trennen und Abschied zu nehmen von jenen Gefühlen und Hoffnungen, die ich in den letzten Monaten mit mir herum schleppte. Es tut weh, vor allem tut es deshalb weh, weil ich das Gefühl habe, den Schein mit dem 6er im Lotto nicht einlösen zu können. Gibt es im Leben die Möglichkeit, ein zweites Mal einen 6er im Lotto zu erzielen? Diese Frage will ich mir nicht stellen, ich will sie ignorieren, weil sie mir Angst macht.

Von der Vernunft her weiss ich: ich muss nun los-lassen-können und von meinen Illusionen Abschied nehmen. Aber das Herz und die Seele wollen da nicht so richtig mitmachen, sie rebellieren dagegen und betreiben ein Oppositionsspiel, zeigen sich also uneinsichtig. Ich trage nun einen Kampf in mir aus, einen Kampf "Kopf versus Gefühl". Ich weiss, dass der Kopf gewinnen muss, die Einsicht in die Notwendigkeit führt nach Hegel zur Freiheit. Aber das wird seine Zeit brauchen.

Das Erlebte prägt mich, A. ist gewissermassen zu einem Referenzpunkt geworden. Ich will den Kontakt zu ihr nicht abbrechen, ich wüsste nicht warum. Es tut mir gut, mich mit ihr auszutauschen. Warum oftmals nur dieses entweder-oder? Nein, wenn Menschen sich etwas zu sagen haben und sich gegenseitig den Spiegel vorhalten, auf dass sie zu mehr Selbsterkenntnis kommen, sollten sie eine solche wertvolle Beziehung nicht abbrechen, im Gegenteil, sie sollen sie pflegen. Für mich wird dies zumindest anfänglich ein Balance-Akt sein, ich werde immer wieder Rückfälle haben und Anfälle von Sehnsucht und Melancholie entwickeln, ich werde das Schicksal beklagen und dann und wann im Sumpf des Selbstmitleids baden, weil ich diese Beziehung emotional auf eine neue Basis stellen muss, auf eine Basis einer platonischen Beziehung.

Unter dem Strich bin ich unendlich froh, ihr begegnet zu sein, denn sie hat mein Herz geöffnet und meine Seele berührt. Dass daraus keine Liebesbeziehung wird, beelendet mich im Grunde der Dinge, aber ich muss dies akzeptieren. Ich nehme in diesem Zusammenhang zur Kenntnis, dass in mir heftige Gefühle zum Ausbruch kommen können, dass ich eine innere Wärme verspüre, bloss wenn ich an sie denke. Keine Frage: ich lebe und bin definitiv keine Frostbeule. Manchmal möchte ich eine solche sein, weil ich mir denke, dass man dann ungetrübt(er) durchs Leben zieht. Es steht mir ein harter Weg bevor, ein Weg des Abschiednehmens von meinen Illusionen. Dabei wird auch ein Stück Hoffnung sterben. In solchen Situationen fühle ich mich einsam und oftmals unverstanden.

Montag, 21. Juni 2010

Das Ende der Illusionen (I)

Ich stelle fest, dass ich mich in meinen Gefühlen verlieren und dadurch Menschen in objektive Schwierigkeiten bringen kann. So wie auch heute (es spielt hier keine Rolle, worin diese Schwierigkeiten liegen, sie können jedenfalls für den betroffenen Menschen Konsequenzen haben, die ich überhaupt nicht wollte). Wenn ich mein Verhalten kritisch beobachte sehe ich ein, dass ich mich manchmal zu einem Handeln hinreissen lasse, ohne die Wirkungen und vor allem die nicht beabsichtigten Wirkungen desselben stets einzubeziehen bzw. abzuschätzen. Heute nehme ich damit auch Abschied von einigen Hoffnungen (im Grunde der Dinge waren es bloss naive Illusionen), die ich hatte. Das tut ungemein weh, ist gleichzeitig auch eine Befreiung.

Ich will mich von meinen kindlichen Illusionen befreien und noch genauer hinsehen, was in mir in welchen Lebenssituationen emotional abgeht. Unser Handeln und unsere Motive sind nicht selten das Produkt nicht bewältigter Ereignisse aus der Kindheit bzw. Jugend. Dem will ich vermehrt nachgehen, vielleicht liegt dort der Schlüssel mancher Erkenntnis.

Zur Zeit bin ich jedoch nicht in der Lage, mehr dazu zu schreiben, weil der Kopf schlicht leer ist und die Gefühle gewissermassen flach liegen. Ich muss mich jetzt sammeln - eigentlich hätte ich genug zu tun, da wartet Arbeit auf mich im Büro, und meine Tochter will bald ihr Mittagessen einnehmen...heute habe ich nur ein Ziel: einfach bloss zu funktionieren, das ist für mich heute Herausforderung genug. Ich will und ich muss vieles verarbeiten, ich hoffe, dies in nächster Zeit auch Schritt für Schritt tun zu können.

Sonntag, 6. Juni 2010

Streicheleinheiten und schlichte Grüsse

Der gestrige Abend hatte einen sonderbaren Verlauf: Ich traf mich mit der Kollegin, wir radelten durch die Gegend, gingen etwas essen in einer lauschigen Gartenwirtschaft, Gespräche über Gott und die Welt. Bei mir zu Hause schenken wir uns gegenseitige Streicheleinheiten (wortwörtlich gemeint), Teenagern gleich, behutsam und durchaus mit Scham. Die Nacht schlief ich allein zu Hause (was mir auch Recht war).

Und der Zufall will es, dass ich heute Morgen elektronische Post erhalte von A. Liebe Grüsse, lese ich da. Schlichte Worte, die Distanz markieren, einem fernen, unnahbaren Winken gleich. Ich winke zurück.

So ist das Leben:

Es gibt Streicheleinheiten, die zwar schön sind, keine Frage. Aber die Seele bleibt dabei regungslos. Ich vergleiche es mit Opern von Verdi oder Rossini: schön, gewiss, aber letztlich berühren sie meine Seele nicht, ich sitze da und denke mir: nett - und nun?

Und dann gibt es schlichte Grüsse ohne jegliche Streicheleinheiten (auch nicht zwischen den Zeilen), die das Herz dennoch voll treffen, die Sehnsüchte wecken und traurig machen - und dennoch, das ist das Entscheidende, möchte ich nicht darauf verzichten. Vor allem: es sind ehrliche Grüsse ohne Schminke. Klartexte eben.

Was ich jetzt tue: versuchen loszulassen, die Sonntagszeitungen lesen, Mozart hören (ich ahne, wie es sich durchschütteln wird), duschen, rasieren, meine Mutter zum Mittagessen einladen. Nachmittags werde ich arbeiten.

Mittwoch, 2. Juni 2010

Los-lassen-können

Endlich konnte ich mich gestern dazu aufraffen, ein neues Fahrrad zu kaufen, dazu auch eines für meine Tochter, das mit einem Handgriff an mein Fahrrad angehängt werden kann. Gestern Abend haben wir es gleich ausprobiert, und es war der Hit. Sie genoss es, mit ihrem Papa durch die Gegend zu flitzen, zum nahe gelegenen Waldspielplatz zu gehen, dann wieder weiter zu fahren...das sind meine Lichtblicke.

Trotzdem: An diesem Mittwoch verspüre ich nur noch eine Leere in mir. Aber auch ein Brennen und Verlangen kann ich nicht verleugnen. In diesem Augenblick weiss ich, dass A. das Flugzeug mit ihrem Mann besteigt, um in die Ferien zu verreisen. Mein Verstand weiss sehr wohl: es geht um das Los-lassen-können. Ich übe mich ja darin, versuche, ein geordnetes Leben zu führen, mich genügend zu bewegen, genügend zu schlafen und ach, natürlich, meinen Pflichten nachzugehen. Doch es fällt mir nicht einfach. Loslassen-können ist ein hehres Ziel, es zu erreichen ist freilich eine Herausforderung für mich. Was mich ferner betrübt: das Schreiben fällt mir im Moment schwer, dabei ist Schreiben meine Selbsttherapie als Mittel zur Selbsterkenntnis.

Das Flugzeug startet in diesem Moment.
A. kann loslassen, wenigstens sie. Ich beneide sie darum.