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Dienstag, 22. Januar 2013

Die Katze

Manchmal denke ich mir, das Leben einer wohl behüteten Hauskatze sei etwas ganz Kuscheliges. Sie braucht nichts zu tun, das Fressen kriegt sie pünktlich und ohne Gegenleistung. Tagsüber lebt sie ihren Alltag, jagt manchmal ein Mäuschen, dann ficht sie einen Zweikampf aus, aus dem sie sich problemlos zurückziehen kann. Nachts kann sie sich im Haus bequem einrichten, vielleicht gar in der Nähe des Kamins oder sonstwo, wo es trocken und warm ist. Sie ist einfach, sie frisst und lebt und ist sich ihrer Existenz nicht bewusst. Sie lässt sich gerne streicheln und spielt fürs Leben gern. Einfach so. Und wenn sie Glück hat, findet sie in der Katzenwelt einen zeitweiligen Anschluss und spaziert gemeinsam mit ihrem Liebsten  Freund durch die Gärten der Vorstadt. Was möchte sie denn mehr? Eines gewiss nicht: sich vermenschlichen zu lassen. 

Samstag, 15. Dezember 2012

Vor dem Spiegel

Es war einmal ein Mann, der von sich glaubte, nie alt werden zu müssen. Vielmehr glaubte er insgeheim, ewig jung bleiben zu können. Und so lebte er sein Leben und feierte seine runden Geburtstage nicht ohne Pomp, aber im stilvoll. Den 50. Geburtstag verbrachte er mit vielen Freunden und Bekannten in der Südsee, den 60. in einer Skihütte auf 3'500 Metern über Meer in den Walliser Alpen, um am darauffolgenden Tag auf eine Skitour zu gehen. Seinen 70. Geburtstag feierte er in der Kronenhalle in Zürich bei Kalbsgeschnetzeltem mit Rösti. Dazu gab es schweren Burgunder.

Nein, liess er verlauten, das Altern ist für mich kein Thema. Und so verstrichen die Jahre. Und plötzlich (er mochte nun etwa 78 Jahre alt sein), es war an einem kühl-nassen Herbstmorgen, betrachtete er sich zum ersten Mal seit vielen Jahren ganz aufmerksam im Spiegel. Dieses Mal mochte er nicht gleich wieder vor dem verdammten Spiegel, wie er ihn manchmal nannte, flüchten, nein, er verharrte vor ihm und begann zu sinnieren. Das also bin ich, stellte er fest, das bin ich. Er erschrak und murmelte vor sich hin, dass auch er alt werde. Ja, auch du! Was habe ich bloss in all den Jahren eigentlich gemacht? Diese seine Frage mochte er nicht beantworten, stattdessen zwängte er sich in seinen Jogginganzug und nahm seinen täglichen 12-Minutenlauf in Angriff. Mit seiner Leistung lag er zwar immer noch im grünen Bereich, auch wenn er wie eine Lokomotive keuchte und innerlich gegen die Gesetze der Zeit rebellierte. Im Wald waren die Blätter schon gelblich-braun verfärbt und säumten seine Laufstrecke. Die Sonne schien und die Vögel sangen wie eh und je.

Mittwoch, 29. August 2012

Der Frauentisch


Traum - vorerst ohne Deutung





















Er sitzt an einem langen Tisch, der reichlich gedeckt ist.
Um ihn herum sitzen ausschliesslich Frauen.
Alle reden miteinander
und durcheinander.
Entspannte Stimmung.
Käseplatten hat es auf dem Tisch,
Wein,
Brot,
Früchte,
Trockenfleisch.
Eine muntere Runde.
Und dann bemerkt er, dass er alle Frauen kennt.
Mehr noch: alle spielten in seinem Leben
eine bestimme Rolle.
Für kurze Zeit, für längere Zeit.
Alle haben sich hier versammelt.
Und reden vor allem über ihn.
Es sind nicht nur Worte des Lobes.
Weshalb denn auch.
Ist es eine Art Gericht?
Er hat nichts Böses getan, davon ist er überzeugt.
Und dann beginnen sie fröhlich zu singen.
Die Melodie freilich kommt ihm gänzlich unbekannt vor.

Mittwoch, 28. März 2012

Nächtlicher Anruf - revidiert

Ich stelle mir vor:

Nach dem nächtlichen und vermeintlich befreienden Telefon legte er sich wieder hin und suchte den Schlaf. Kaum erfasste ihn eine bleierne Müdigkeit, klingelte es erneut.

(schläfrig) Ja, Hallo?
(nach einer Pause) Ich bin's.
(wieder ganz wach, freudig) Ach, wie geht es dir jetzt? Wo bist du?
(mit bestimmter Stimme) Ich werde nicht kommen.
(überrascht, hilflos) Was....was, ich werde nicht kommen...? Du hast doch gebucht.
(nach einer Pause) Ja, habe ich. Und vor einer Stunde gleich wieder storniert. 
(sichtlich erregt) Warum zum Teufel denn das?
(sanft, aber bestimmt) Ich kann es doch nicht. Bin hier verwurzelt. Habe hier mein Leben.
(hilflos) Ist das dein Ernst, dein letztes Wort? Ach komm, ich nehme die nächste Maschine und komm zu dir, dann reden wir über alles.
(resignierend) Hat keinen Sinn. Alles hat keinen Sinn. Du bist in deinem Leben, ich in meinem. Das war schon immer so, und so wird es auch bleiben. 
(leise und nach Worten ringend) Was soll ich da noch sagen?
(leise und traurig zugleich) Am besten gar nichts mehr. 

Dienstag, 27. März 2012

Nächtlicher Anruf

Ich stelle mir vor:

Dunkle Nacht.
Stille.
Und dann gegen 0320 Uhr
reisst ihn das Telefon aus dem Schlaf.
Erschreckt nimmt er ab und befürchtet schon schlechte Nachrichten.

Ja Hallo...wer ist da, ist was passiert?
Ich bin's.
Was, du, um diese Zeit...was ist passiert?
Ich bin frei.
Du bist was, frei?
Ja, bin ich. 
Ist das wahr?
Ja, es ist wahr. Ich hab den Flug schon gebucht. 
Wann kann ich dich abholen?
Ich lande übermorgen um 1120 Uhr, LX 8843.
Unglaublich - ich werde dort sein.
Du fehlst mir.
Du mir auch - doch nicht mehr lange. 
Ja, endlich. 
Ja, verdammt noch mal, endlich.

Donnerstag, 22. März 2012

Cosi fan tutte - real umgesetzt

Inspiriert von Mozarts Cosi fan tutte hat mich ein Freund gebeten, ich solle die Treue seiner Lebenspartnerin auf die Probe stellen. Mein Auftrag lautet: schleich dich an meine Freundin heran, sei hartnäckig und versuche, sie zu verführen. Ein schöner, mit Augenzwinkern versehener Auftrag, den ich gerne angenommen habe.

Die Dame -12 Jahre jünger als ich, lange blonde Haare, nussbraune Augen, schlank und sportlich- hat ein Facebook-Konto, also habe ich sie gleich mal angeschrieben (natürlich unter falschem Namen) und begonnen, sie sanft und bestimmt zu beackern. Ich konnte sie so in eine längere Email-Geschichte verwickeln mit dem Resultat, dass wir uns morgen Abend treffen. Hach! Der Fisch zappelt also bereits im Netz, oder etwa doch nicht bzw. noch nicht? Wir treffen uns beim Bahnhof, sie holt mich dort mit ihrem Wagen (Cabrio) ab, und dann....

...nehme ich Plan B hervor. Mein Auftrag ist klar und lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, so will es mein Kumpel. Bin sehr gespannt, wie sich dieses Experiment entwicklen wird. Mein Freund ist etwas nervös und bereits darüber enttäuscht, dass seine Freundin mit mir abgemacht hat - mehr noch: sie hat ihm nichts davon erzählt. Er wird das Spiel aber fortführen und sie für morgen Abend zu einem Essen einladen, aber ich gehe mal davon aus, dass sie ihm eine Ausrede präsentieren wird. Sie wird morgen kommen.

Cosi fan tutte?
Bin gespannt!
***
hier noch Erläuterungen zum Hintergrund der Oper und zum hier diskutierten Stoff:

und hier noch mehr....


Montag, 19. März 2012

Unterwegs

Einfach loswandern.
Trotz des Regens und in Erwartung der wärmenden Sonne.
Nicht wissen, wohin, da unerheblich.
Und unwichtig.

Hügellandschaft.
Raben auf engstem Raum versammelt,
dort oben auf dem grossen Baum.
Fröhliche Gleichgültigkeit.


Mittwoch, 18. Januar 2012

Hände, die sich berühren (XVIII)

Er hat sich schon ein Weilchen nicht mehr bei ihr gemeldet -
sie sich bei ihm auch nicht.
Funkstille.
Es war ihm recht so.
Er vermisst sie nicht,
überhaupt nicht.
Und sie ihn wohl auch nicht,
überhaupt nicht.

Und neulich trafen sie sich per Zufall auf der Strasse.

Ah, wie geht es dir?
Oh, es geht mir gut, und dir?
Oh, auch ganz gut.
Schön (Pause - es folgt ein Smalltalk. Nochmals Pause)
Ja, ich sollte jetzt auf den Zug (Pause)
Ja, dann tue das. Schön, dich getroffen zu haben!

Ja, danke dir, ich melde mich.
Ja ja, tue das.

Kein Abschiedskuss.
Weshalb denn auch?
Er wusste: wenn ich sie nicht vermisse, dann sagt das alles aus.
Und er dachte sich: sie hat dieselbe Erfahrung gemacht.

Vielleicht werden sie dereinst darüber reden,
wie es sich anfühlt,
wenn Gefühle sich davon schleichen,
ehe sie überhaupt angekommen sind.

Dienstag, 27. Dezember 2011

Hände, die sich berühren (XVII)

Dieses Hin und Her an Nähe und Distanz macht ihn zusehends mürbe. Und dann fragt er sich, ob es denn überhaupt von Dauer sein würde, diese Begegnung mit dieser Frau, die jeden Satz von ihm auf die Goldwaage legt, die ihn permanent analysiert (und dabei oftmals ins Leere trifft) und mustert, als würde er eine Prüfung absolvieren müssen.

Will er sich das Leben noch komplizierter machen? Und überhaupt, was hätte er dieser Frau zu bieten? Und sie ihm, mal ganz ehrlich? Trotzig zieht er sich zurück, will nicht mehr, so wie sie auch nicht mehr will. Vielleicht liegt es am Alter, vielleicht aber vor allem auch daran, dass er sein Herz im Grunde der Dinge schon längst einer anderen Frau vergeben hat, wenn dabei auch hoffnungslos vergeben, aber er kann die Situation ja nicht zurecht biegen, er kann nichts erzwingen, er hat zu akzeptieren, was ist. Und er hat verstanden, dass er keine Kompromisse mehr eingehen will.

Gefühle lassen sich nicht biegen und brechen, Gefühle gehorchen nicht dem Diktat der Logik, Gefühle kümmern sich nicht um räumliche Distanzen, um Zivilstände und Lebensmittelpunkte. 

Nun ja, es ist halt so, wie es ist. 

Sonntag, 18. Dezember 2011

Hände, die sich berühren (XVI)

Und spätabends erhielt er eine email von ihr, wonach alles in Ordnung sei. Und ja, sie könnten ja bald einmal wieder telefonieren. Er wird nicht einmal ungeduldig, nein, eine gewisse Gleichgültigkeit erfasst ihn beim Lesen dieser Zeilen. Nun ja, heute, morgen, übermorgen, eigentlich spielt das doch alles gar keine Rolle. Vielleicht liegt es daran, dass er einfach nur noch müde ist. Aber er kann es nicht länger wegdiskutieren, dass der Wurm drinsteckt. Plötzlich weiss er nicht, was er eigentlich will, und er weiss ebenso wenig, was sie eigentlich will. Es kommt, wie es kommt. Mehr fällt ihm dazu nicht ein. 

Freitag, 16. Dezember 2011

Hände, die sich berühren (XVI)

Beide sind kompliziert. Beide haben einen nicht leichten Rucksack zu tragen. Beide haben ihre Geschichte und damit ihre Vergangenheit, die sie mitschleppen müssen. Beide stellen sich die Frage, wie ein Neuanfang möglich ist - und ob er möglich ist, und wenn er möglich ist, unter welchen Bedingungen und zu welchem Preis. Beide haben ihre Marotten, Gewohnheiten und Freundeskreis.

Und beide wollen aber auch nicht allein alt werden. Beide brauchen ihre Streicheleinheiten. Beide brauchen dann und wann eine Schulter, an die sie sich anlehnen können, einfach so, bedingungslos. Beide wollen an sich aufeinander zugehen, und doch haben sie gleichzeitig Angst, Angst ihren Freiraum zu verlieren. Wollen nicht aneinanderkleben. Und so spielen sie zeitweise die Unnahbaren. Geben sich distanziert. Wenn er ihr eine Email schreibt, kommt die Antwort vielleicht einen Tag später, vielleicht auch zwei. Und eine sms wird nur dann und wann beantwortet. Wenn überhaupt. Er beginnt, dasselbe zu tun. Meldet sich für eine kurze Zeit nicht, was sie jeweils aber verunsichert, indem sie nachfragt, was denn los sei. Und er sagt ihr, nichts sei los, er habe halt viel Arbeit, so wie sie halt viel Arbeit habe.
Aha.

Und wenn sie sich sehen, dann brauchen sie immer wieder eine gewisse Zeit, bis sie sich gegenseitig annähern können. Das kann gut eine bis zwei Stunden dauern. Dann werden sie lockerer und geben sich die Hand. Sie geniessen diesen Augenblick, umarmen und küssen sich, aber immer noch mit einer gewissen Distanz, doch mit liebevollem Blick und zärtlichen Berührungen. So geht das munter weiter.

Beide hüten sich davor, am Gras zu ziehen, es würde ja doch nicht schneller wachsen. Sie geben sich gelassen, um nicht auf Neudeutsch sagen zu müssen: cool. Vermutlich möchten sie aber ganz und gar nicht cool sein. Doch können sie nicht anders. Der Rucksack wiegt schwer. Und damit ihre Biographien, ihre Erlebnisse und Geschichte.

Neuanfang?
Fragt sich bloss, wie. Daran müssen sie noch arbeiten. 

Sonntag, 11. Dezember 2011

Hände, die sich berühren (XV)

Und dann haben sie sich's auf dem Sofa bequem eingerichtet.
Es ist mittlerweile 0130 Uhr.

Behagliche Wärme im Raum nicht zuletzt wegen des in Betrieb genommenen offenen Kamins.

Auf dem Beistelltisch:
zwei Gläser Cognac.



Er ist mitteilungsbedürftig, so scheint es.
Unermüdlich erzählt er von Bauten in Brasilia.
Sie nippt dazu an ihrem Cognac-Glas, hört halbwegs interessiert zu.
Nachfragen.
Dann erzählt sie, das Thema abrupt wechselnd, von Brahms.
Er gibt zu, hierzu ein absoluter Ignorant zu sein.
Sie legt eine Brahms-CD ein.

Manchmal berühren sich ihre Hände.
Nicht zufällig.
Bewusst, aber auch nicht zu lange.

Um 0220 Uhr liegen sie eng umschlungen auf dem Sofa.
Aus dem Kamin ist leises Knistern zu vernehmen.
Draussen regnet es.
Nur noch Kerzenlicht.
Kein Berühren der Lippen.

Ich bin müde, verkündet er gegen 0300 Uhr.
Bin ich auch, ja. Das Gästezimmer steht für dich bereit, wie immer.
Er lacht.
Danke.
Schlaf gut.
Ja, du auch.

Innige Umarmung vor dem zu-Bett-gehen.

Am nächsten Morgen treffen sie sich am Frühstückstisch wieder.
Es gibt kein peinliches Schweigen.
Und wieder ertönt Brahms aus den Lautsprechern.
Es regnet.
Bald fährt der Zug.
Sein Zug.

Sonntag, 4. Dezember 2011

Hände, die sich berühren (XIV)

Sie beschlossen, ein gemeinsames Wochenende im Tessin zu verbringen, möglichst weit weg vom Alltag, das wollten sie sein.

Sie wählen aus:



Per Zufall konnten sie noch rechtzeitig ein schönes altes Haus unweit des Friedhofs mieten, dort, wo auch Alfred Andersch und seine Frau ruhen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Nein, sie haben das Bett nicht geteilt, was nicht heisst, dass sie nicht ein schönes Wochenende zusammen verbracht hätten. Ganz im Gegenteil: gemeinsames und vertrautes Kochen im alten Steinhaus, Kalbsfleisch und Polenta, Salat. Dazu reichlich Wein und Grappa aus dem Tessin. Und dann, vor dem Kamin, die Fortsetzung ihrer Gespräche. Sie schmiegen sich zeitweise an, er streichelt sie dabei sanft über ihr langes rostbraunes Haar, das sie zu einem Rossschwanz zusammengebunden hat.
Nachmittags waren sie auf einer längeren Wanderung unterwegs, Hand-in-Hand, und das gelegentliche Schweigen entpuppte sich nicht als peinliches Schweigen.

Sie brauchen Zeit, so wie guter Wein auch seine Zeit benötigt, um nachhaltig reifen zu können.

Dienstag, 29. November 2011

Hände, die sich berühren (XIII)

Wie soll die Geschichte weitergehen?
Die beiden beginnen mich langsam zu nerven. Da ist viel Defensives, Abwartendes, Ungenanntes. Das muss sich ändern.
Also stelle ich mir vor:

Auf der Baustelle ist ihm in den Sinn gekommen, dass sie anlässlich ihres letzten Telefonats allerlei erzählt hatte, so auch dies, dass sie es liebe, sich .zwischen den Beinen zu rasieren, wenn sie einem Mann gefallen wolle. Er ist am Telefon nicht darauf eingegangen, weil es ihm irgendwie die Sprache verschlagen hatte. Er hörte bloss zu, sagte aber dann wie beiläufig in einem Nebensatz: ich mag es sehr, wenn Frauen......ich meine, wenn Frauen sich frisch machen. Beinahe wäre er ins Stottern geraten, ein Glück, dass sie ihn nicht durch das Telefon sehen konnte, wie er rot im Gesicht angelaufen ist. Diese kleine Episode trieb ihn fortan an, und er malte sich nun allerlei Phantasien aus. Und dann, nachdem er einem Schreiner auf der Baustelle diverse Aufträge mit auf den Weg gegeben hatte, packte ihn ein Verlangen. Er wollte sie einladen, am liebsten sofort, zu einem gemeinsamen Wochenende. Er kramte sein Handy aus der Tasche hervor und stellte ihre Nummer ein.

Dienstag, 22. November 2011

Hände, die sich berühren (XII)

Sie lernen, sich auf ganz behutsame Art näherzukommen, mit allen Rückschlägen, die dabei unausweichlich sind in Form von Missverständnissen und Fehltritten. Es sind kleine Gesten, Andeutungen, Blicke, die sie in ihrem Annäherungsprozess weiterbringen und ihnen Raum öffnet für allerlei Wagnis. Und ihre Hände berühren sich gar, wollen sich nun nicht so schnell wieder voneinander trennen. Er wagt es gar, sie dabei sanft zu streicheln. Noch herrscht der Kopf vor, beide wollen die Kontrolle nicht verlieren. Aber es scheint, dass ihre Herzen viel weiter sind, sie haben etwas erkannt, wovor ihr Intellekt noch weit davon entfernt ist. Das Wettrennen zwischen Kopf und Herz ist nun definitiv eröffnet und in vollem Gang.

Montag, 21. November 2011

Hände, die sich berühren (XI)

Dieses Hin und Her von Nähe und Distanz macht ihn ungeduldig, unsicher und zusehends unwirsch. Aus einem "ich vermisse dich" folgt kurz darauf "hab keine Zeit, bin furchtbar im Stress". Er weiss nicht, was er damit anfangen soll und denkt sich: einfach ignorieren, ich stelle mich tot und überhaupt: ich renn dir nicht nach.

Dabei hat sie einfach irrsinnig Angst, ja Panik vor Nähe, weil sie Nähe als Quelle grosser Verletzungen fürchtet und auch erlebt hatte. Doch sie muss auch lernen, dass es keinen Sinn macht, gemachte Erfahrungen in die Gegenwart und Zukunft projizieren und damit zur Gesetzmässigkeit erklären zu wollen. Wir laufen sonst Gefahr, Gefangene unserer konstruierten Wirklichkeit zu sein bzw. zu werden.

Sonntag, 20. November 2011

Hände, die sich berühren (X)

Aus Berlin, anlässlich seines Kongresses, schickt er ihr täglich eine sms. Es sind kurze Texte über seine aktuelle Befindlichkeit. "Es ist verdammt kalt in Berlin, es wäre schön, mit dir auf dem Prenzlauer Berg in einer alten Kneipe zu sitzen", oder: "bin müde, vermisse dich", weiter dann

"würde gerne Arm in Arm mit Dir der Spree entlang laufen".

Er hütete sich davor, "Hand in Hand" zu schreiben, das schien ihm zu intim und irgendwie nicht mehr ganz passend zu seinem und ihrem Alter. Arm in Arm, das klingt wohl nach Nähe und Freundschaft, aber auch nicht nach mehr. "Hand in Hand", das hat schon etwas Verbindlicheres, Intimeres, wer Hand in Hand spazieren geht, mag Erwartungen haben, wer jedoch bloss Arm in Arm in der Grossstadt herumzieht, signalisiert gleichzeitig auch Abstand.

Das schien ihm angemessen.
Und er hütete sich auch davor, den verliebten Teenie spielen zu wollen. Das wäre ihm allzu lächerlich vorgekommen.

Die Antwort kam prompt. "Ja, das wäre schön".

Mittwoch, 16. November 2011

Hände, die sich berühren (IX)

Heute haben sie sich wieder getroffen. Er wird am Donnerstag an einen internationalen Architektenkongress teilnehmen, weshalb er sie zu einem kleinen Umtrunk in einem schönen Restaurant eingeladen hat. Sie haben es gut miteinander, sie reden viel, doch lassen sie jenes Schweigen nicht zu, das nur dort zum Tragen kommt, wo es verstanden wird. Ihre Hände berühren sich wiederum nach einer Weile für wenige Sekunden, es sind sanfte Berührungen. aber beide wagen es nicht, die Hand des anderen fest zu halten. So geht die Plauderstunde weiter, bis er aufbrechen muss, um zu packen und sein Flugticket noch ausdrucken. Am Schluss umarmen sie sich wieder, als würden sie in wenigen Sekunden ganze Momente kompensieren wollen, die sie nicht gemeinsam durchlebt hatten. Und wie durch ein Wunder begegnen sich ihre Lippen für einen kurzen Moment, beinahe Kindern gleich, die sich zum ersten Mal auf dem Schulhausplatz herzklopfend küssen und dabei eine neue Welt für sich entdecken.

Samstag, 12. November 2011

Hände, die sich berühren (VIII)

Er spielt den Beleidigten, weil er, aus seiner Sicht, in einem gewissen Sinne von ihr zurückgewiesen wurde. Nun ziert er sich. Aber auch: er hat Angst, sich in Gefühlen zu verlieren, die nicht auf ein entsprechendes Echo stossen. Also im Endeffekt: Liebe ohne Gegenliebe. Das erinnert ihn an sein Architekturbüro, wonach jede Leistung von ihm auch einer Abgeltung bedarf. Dann denkt er sich auch: Liebe ist bedingungslos da, sie lebt von der Freiheit und darf hoffen, aber niemals Erwartungen hegen. Und sie? Sie lädt ihn zu sich nach Hause ein, Plauderstunde im Wintergarten, er wird über Architektur sprechen, sie wird ihm die jüngsten Tendenzen aus der zeitgenössischen amerikanischen Literatur beschreiben. Und dann, gegen 22 Uhr, wird sie ihn daran erinnern, dass bald der letzte Zug fährt. Und er wird, natürlich, keine Anstalten tun, Sitzleder zu entwickeln, er wird mit einem gewissen Trotz aufstehen und ihr eine gute Nacht wünschen und sich davor hüten, sie zum Abschied zu umarmen, nein, das wäre aus seiner Sicht nicht situationskonform. Ein Küsschen links und rechts soll vollends genügen.

Dienstag, 8. November 2011

Hände, die sich berühren (VII)

Er hütet sich davor, weitere Avancen (weitere? hat er überhaupt welche gemacht, diese Frage stellte er sich in seinem Architekturbüro, als er dabei war, ein modernes Badezimmer zu entwerfen) zu machen, nein, er wird das Gegenteil tun, nämlich: den Rückzug antreten. Sie will Distanz, also soll sie Distanz bekommen.

Indem er sich zurückzieht, so hofft er insgeheim, würde er sie aus der Reserve locken, sie zwingen, sich über ihre Prioritäten Gedanken zu machen. Aber er versteht auch, dass sie ihr nett eingerichtetes Leben doch nicht wegen eines zufällig herbei gelaufenen Mannes über den Haufen werfen will. Was möchte sie aber wirklich? Vielleicht, so beginnt er zu spekulieren, will sie bloss -aber immerhin!- ab und zu auf ihre Kosten kommen, sich hingeben können, ganz Frau sein. Der Gedanke scheint ihm nicht ganz abwegig zu sein.