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Dienstag, 12. November 2013

Von der Angst

zum Beispiel:
  • vor dem alt sein, wirklich alt
  • vor dem nicht-mehr-können (in jeder Hinsicht)
  • vor dem langsamen Zerfall
  • nur noch als Alter (und nicht mehr als Mann) wahrgenommen zu werden
  • nur noch als Kostenfaktor wahrgenommen zu werden (Pflegestufe xy)
  • am Atmungsapparat gefesselt zu sein
  • dass irgendwann alles den Bach runter geht (pessimistisch, ich weiss)
  • dass die Sinne nachlassen
  • das Denken nachlässt
  • das Gedächtnis nachlässt (und doch wäre dies vielleicht eine Gnade)
  • die Freude nachlässt
  • nicht mehr nach Berlin oder Paris reisen zu können
  • oder in die Berge
  • nicht mehr richtig sprechen zu können
  • abhängig sein von Leuten, die mich pflegen (oh Gott)
  • abhängig sein in jeder Hinsicht
  • nicht mehr umarmt zu werden
  • langsam sterben zu müssen, langsam, ja langsam (Agonie)
  • keine Hand da ist, die liebevoll das Gesicht streichelt
  • nachts aufzuwachen, nicht mehr aufstehen zu können und nur noch den roten Alarmknopf tätigen zu können.
  • ans Bett gefesselt zu sein, morgens, mittags, abends: immerzu und immer länger
  • den morgendlichen Satz zu hören: jetzt schön das Tässchen austrinken, gell
Ja, Angst frisst Seele auf

Von der tickenden Uhr

Spätnachmittags hatte ich wie angeschossen das Bedürfnis, zum Grab meines Vaters zu gehen. Ich war schon lange nicht mehr dort. 6 Monate, 9 Monate? Ich weiss es nicht, da Gräber mir an sich nichts bedeuten und ich Tote nicht auf dem Friedhof vermute. Aber heute musste ich, einer inneren Stimme gehorchend, diesen Ort aufzusuchen. Nachdem meine Tochter von der Schule nach Hause gekommen war, brachen wir mit dem Fahrrad auf: 10 Minuten, und wir waren dort. Sonnenuntergang, herbstliche Farben überall, da und dort Besucher auf Bänken und vor mir Amseln, die sich gegenseitig jagen auf der Suche nach Nahrung. Beim Grab zündet meine Tochter die Kerze an und freut sich, da zu sein und ihren Grossvater zu besuchen. Und ich schaue mich weiter um, laufe etwas herum, betrachte die Gräber, gestorben 2010, 2011, dort 1998, geboren 1923, 1945, dort 1958. Es wird so viel gestorben. Und ich stellte mir vor, dass ich, als Mensch (aber nicht als Vater) ganz ruhig bliebe, wenn ich dort, in jenem Augenblick, definitiv abgelegen wäre. Ich würde einfach einschlafen und Teil dieser Gemeinschaft werden, deren Mitglied wir ohnehin eines Tages alle sein werden, nur tun wir so, als ginge uns dies alles nichts an: die Toten, das sind die anderen. Beim Eindunkeln begann ich zu frösteln, ein Moment der Ergriffenheit nahm mich ein: wann werde auch ich da liegen? Bis dato lebe ich, wie wir alle leben wollen, mit unseren Sehnsüchten und Unzulänglichkeiten, unseren Freuden und Illusionen, stets den Tod verdrängend und das ewig dauernde Leben vor dem Auge und hoffend, dass uns dies alles nichts angehe. Nichts. Ich habe keine Sehnsucht nach dem Tod, ich habe Sehnsucht nach dem Leben, das mit jedem Tag dem Tod immer näher kommt. Immer näher. Die tickende und nicht ablegbare Uhr, ich höre sie. 

Freitag, 14. Juni 2013

Wieder die brennende Kerze

Wieder brennt die eine Kerze im Eingangsbereich des Altersheims.
Da und dort höre ich, wie sie kurz darüber reden.
Und manche,
wenn nicht alle,
fragen sich, ob sie die nächsten sind.
Fragen nach der Zukunft gibt es keine.
Keine Umzüge mehr, und wenn doch, dann Richtung Spital, notfallmässig.
Ich verweile jeweils nicht lange im Altersheim.
Einmal draussen, atme ich tief durch.
Die Abendsonne wärmt mich angenehm,
der kühle Weisse wartet auf mich.
Verdrängung des Unabänderlichen. 

Dienstag, 12. Februar 2013

nächtliches Klingeln des Telefons

Was ich nicht ertrage ist das nächtliche Läuten des Telefons. Das bedeutet nie etwas Gutes. Wer nachts anruft, hat in der Regel keine guten Nachrichten zu übermitteln. Ich jedenfalls habe nie ein nächtliches Telefonat erhalten, um zum Beispiel die glückliche Geburt eines Kind mitzuteilen - die Nachricht kam später, gewiss nicht früher als 0800 Uhr. Stirbt hingegen jemand, wird sofort angerufen. 

Der Tod will unmittelbar mitgeteilt werden, 
ein neues Leben kann warten. 

Mittwoch, 30. Januar 2013

Die brennende Kerze


Die brennende Kerze auf dem Tischchen nahe des Haupteingangs gibt jeweils bekannt, dass eine Heimbewohnerin oder ein Heimbewohner gestorben ist, und hinter der Kerze ist ein Bild mit dem Namen der/des Verstorbenen aufgestellt. So heisst es lapidar und amtlich nüchtern:  "Emma Steiner, geboren am 14. Oktober 1921, ist am 30. Januar 2013 gestorben". Die Bewohnerinnen und Bewohner des Altersheims nehmen es stillschweigend zur Kenntnis, und viele, so scheint es, schauen darüber hinweg. Man spricht nicht über den Tod. Und doch stellt sich ein jeder die bohrende Frage, ob er der Nächste sein wird.
Doch  im Altersheim schweigen die Sterbeglocken, und die Kerze brennt jeweils nicht lange. Gleich ihr gegenüber sind die Menükarten angeschlagen, und dem schwarzen Brett ist zu entnehmen, dass dienstags geturnt und mittwochs gesungen wird. Und am Samstag kommt eine Jazzband vorbei und wird Dixieland spielen. 

Donnerstag, 10. Januar 2013

Jennifer

Zufällig im Netz gefunden.
Und geheult wie ein kleines Kind.
Ich muss
ganz offensichtlich
dünnhäutig sein.

Albert Camus:
Die höchste Form der Hoffnung ist die überwundene Verzweiflung.

Und noch dies, weil es meine aktuelle Stimmung unheimlich exakt erfasst

Dienstag, 18. Dezember 2012

Am Grab und anderswo


Ich komme nicht oft zu deinem Grab. Ich weiss, dass du das auch gar nicht möchtest. Weil du ohnehin nicht da bist, wo ich dich suchen würde. Es gibt Tage, da frage ich mich, wo du sein magst. Oder ist man dann einfach ganz weg, bloss noch Erinnerung, wenn überhaupt? Ja, und dann gibt es Tage, da denke ich überhaupt nicht an dich. Heute Abend jedoch musste ich spontan an dich denken, scheinbar grundlos. Und in solchen Momenten denke ich oft an die zahlreichen gemeinsamen Episoden. Du warst schon ein schräger Vogel und bewegtest dich jenseits der Konformität. Weisst du noch, damals in Diano-Marina (immer wieder!)? Ha, und später in Berlin und Budapest. Und überhaupt, unsere Mittagessen in unserer Heimatstadt...unsere kleinen Fluchten. Du im Engadin, schlotternd. Nun, heute Abend werde ich beim Essen an dich denken, weil ich weiss, dass du just mein heutiges Essen sehr schätzen würdest. Und später proste ich dir zu, augenzwinkernd. Tout ira bien. 

Sonntag, 7. Oktober 2012

Im Kinderspital

Ein Kinderspital ist etwas ganz Besonderes. Nicht zuletzt deshalb, weil hier die Konfrontation mit Sterben und Tod unmittelbar absurd daherkommt. Die kürzlich erfolgte zufällige Begegnung mit einer mir völlig unbekannten Mutter, deren Kind soeben gestorben war, bleibt als Bild haften, ihr von unendlicher Trauer durchtränktes Schluchzen verfolgt mich immer wieder. Und ich lese bei Anton Gramsci: ich bekenne mich zum Pessimismus des Verstandes und zum Optimismus des Willens. Es ist manchmal kräftezehrend, diesen Willen aufzubringen.