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Dienstag, 31. Mai 2016

Vom Gähnen beim Lesen

Gewisse Literatur, die ich durchaus gerne lese (namentlich aus dem Bereich der Erotik), langweilt mich in letzter Zeit gewaltig. Ich gähne, wenn ich davon lese. Ein déjà-vu nach jeder Zeile. 

Freitag, 10. Oktober 2014

Lili Grün

Es gibt keine Liebhaber.
Die Männer sind gleich so schrecklich verheiratet (...)
Ich hab' dich lieb, und ich will dir gehören, 
Jedoch so grosse Worte würden jetzt bloss stören,
Und morgen neun Uhr dreissig
geht mein Zug.


Lili Grün: Mädchenhimmel! Gedichte und Geschichten. Gesammelt, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Anke Heimbert. Aviva-Verlag, Berlin 2014

Sonntag, 7. September 2014

Verlangen und Melancholie


Gestern, nach einer schönen Bergwanderung mit anschliessendem Rockkonzert vor geradezu kitschiger Landschaft (Mondscheinnacht, See und Berge) sauge ich mich heute mit Kirchhoffs neuen Roman -Melancholie und Verlangen- voll. Wiederum eine wahre Fundgrube lebenskluger Sätze und mit einer Geschichte, wie sie nur gelebtes Leben schreiben kann. Und dies lesend bei wunderbarer Herbstsonne, "immerzu lachend (...) mit dem Blau der falschen Unsterblichkeit" (Bodo Kirchhoff, Verlangen und Melancholie, S. 118).

Mittwoch, 4. Juni 2014

Gedankenspliiter (Pause im Geschäft)

Gibt es ein Glück mit Tiefe? Oder ist es ratsamer, stets nur an der Oberfläche zu schwimmen, um nicht im Strudel von Gefühlen und Begierden zu ersaufen?
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In letzter Zeit schlafe ich suboptimal, obwohl ich keinerlei Sorgen habe. Regelmüässig wache ich auf. 0300 Uhr, Totenstille drinnen und draussen. Das gibt mir die Möglichkeit, in entspannter Stimmung zu lesen, meistens bis 0400 Uhr, dann holt mich wieder bleierne Müdigkeit ein.
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Ich bleibe dabei: Eifersucht ist die Angst vor dem Vergleich. Und wir wollen Exklusivität beanspruchen, zumindest was die Sexualität anbelangt. Geht der Partner jenseits dessen "fremd", ist dies in den meisten Fällen kein Thema. Eigentlich bizarr, unser Verhältnis zur Eifersucht.
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Je länger je mehr liebe ich schweren Wein. Vermutlich eine Alterserscheinung.
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Bald werde ich wieder in die Berge flüchten, wenn es hier unten zu heiss wird. Ich mag den Sommer in den Städten nicht. Und noch weniger am Strand: zu viel Schweiss, zu viel Menschenfleisch.
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Die Jugend wird masslos überschätzt: Illusion des alles-ist-möglich.
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Aktuell lese ich "Tanzen auf Beton" von Iris Hanika. Meine ganz persönliche Neuentdeckung. Eine Frau, in deren Schreibe ich mich glatt verliebte.

Tanzen auf Beton ist eher was für die jungen Leute. Das stört uns aber nicht, weil, wir sind ja im Herzen jung, sowieso, bloß der Körper ist halt schon älter und das Streben nach Freiheit von Schmerzen schon wichtiger geworden als der Sexualtrieb. Wäre es anders, könnten wir aufregende Dinge erleben in diesem betonierten Raum, der einmal einen Industriebetrieb beherbergte, wovon alles zeugt, was man im Dunkeln von ihm sehen kann. Manchmal gehen Scheinwerfer an, dann sieht man mehr. Hätte der Sexualtrieb uns also noch so imperativ in seinen Krallen wie vor zwanzig Jahren, würden wir uns nicht durch Wippen und Wassertrinken gegen Krach und Beton wehren, sondern Drogen nehmen, vielleicht auch nur Alkohol, um uns zu enthemmen. Sobald wir enthemmt genug wären, würden wir nacheinander mit drei verschiedenen Personen herumknutschen, um schließlich mit der letzten dieser Personen in einer dunklen Ecke des Raumes den Geschlechtsakt zu vollziehen. Das verwirrte uns allerdings dermaßen, daß wir schnell verschwänden, nachdem diese Person, von der wir weiter nichts wüßten, als welchem Geschlecht sie angehört, das aber sicher, ihrerseits schnell verschwunden wäre. Aufs Unisex-Klo, hätte die Person gesagt. Wir würden den Moment nutzen, um unsererseits hinauszuhasten, es wäre sechs Uhr morgens, es wäre hell, die gelben Lichter vieler Taxis leuchteten grell. Wir sähen das nur aus den Augenwinkeln, während wir zur S-Bahn rennten, schnell, in vertrautes Gefilde, das heißt, uns vom Acker machten, fort, nur fort, weit fort (nach Hause). Das wäre dann schmutziger Sex gewesen, nicht wahr? Beziehungsweise »anonymer Sex«, das ist der Fachausdruck. Ein roher Akt, aber keiner der Roheit! Ficken auf Beton halt, Sex im Krach. Wir wären um ein Erleb­nis reicher. Von dem würden wir den Enkeln nicht erzählen wollen, sollten wir einmal welche haben, doch könnten wir davon zehren, weil wir mit Gewißheit wüßten, auch einmal jung gewesen zu sein.

Samstag, 1. März 2014

Seerücken

Heiter, schlicht und auf den Punkt gebracht:

Sie hatten sich ganz hinten hingesetzt, die Nische mit den drei Sitzen nebeneinander war ihr Platz. Hier war nicht viel Licht, und der Lärm des Motors verschluckte ihr Geflüster. (...) Lara liebte diese Fahrten mit ihm, besonders im Winter, wenn es draussen schon dunkel war, eine halbe Stunde über den Seerücken durch kleine Dörfer, vorbei an Wiesen mit alten Apfelbäumen und über Ackerland. Im Radio lief eine Countrysendung. Das war Sweet Dreams, sagte die Moderatorin, von Reba McEntire, der die heutige Sendung gewidmet ist. Lara küsste Simon und legte ihren Kopf auf seine Schulter.
Peter Stamm - Seerücken (2011)

Donnerstag, 23. Januar 2014

Von Erinnerungen (Louis Begley)

Der 80 jährige Begley (...) behandelt im Kern die Frage, inwiefern Erinnerungen verlässlich sind oder nur bequem gemachte, gefärbte Lebensdeutungen, so heute im Feuilleton der NZZ nachzulesen über den jüngsten Roman von Louis Begley, Erinnerungen an eine Ehe, Suhrkamp-Verlag.
Wer dieser Frage nachgeht, muss gelesen werden. Ich bin gespannt.

Samstag, 28. Dezember 2013

Orhan Pamuk

Pamuks Museum der Unschuld hat mich auf ganz eigentümliche Weise berührt. Ich kann diese in einer subtilen, ruhigen und differenzierten Sprache zum Ausdruck gekommene unendliche Trauer und Sehnsucht nur zu gut nachvollziehen, obwohl ich genau weiss, dass sie einer Obsession gleichkommt. So muss Literatur sein: aufwühlend, bewegend, fragend und vor allem: nie einen billigen Trost spendend. 

Samstag, 14. Dezember 2013

Abhängigkeit und Glück

Ohne Abhängigkeit gibt es kein Glück, 
Man muss eine grosse Liebe auch ertragen lernen

Connie Palmen

Donnerstag, 21. November 2013

Vom Schreiben

Schreiben ist Handwerk plus eigener Abgrund
Bodo Kirchhoff

Ja, das stimmt ohne Zweifel. Beim Schreiben muss man bis zu den schmerzhaften Rändern gehen, diese ausloten und direkt in den Abgrund blicken können. Wenn dies nicht geschieht, bleibt das Schreiben an der Oberfläche ohne Aussicht auf (Selbst)erkenntnis. 

Montag, 18. November 2013

Vom verrückten Sehnen

Brennende Sehnsucht, verpackt in einem Satz, weil es dazu im Grunde der Dinge gar nicht mehr zu sagen gibt:

Und sie tat, was sie seit Mädchenjahren nicht mehr getan hatte, aus verrücktem Sehnen ein Kopfkissen umarmen. 
Bodo Kirchhoff, die Liebe in groben Zügen, S. 571

Liebessehnsucht - nachgereicht

.....die einzige schwere Krankheit, mit der man alt werden kann, sogar gemeinsam....heisst es zu Beginn in der Liebe in groben Zügen. Ein programmatischer Satz, der den ganzen Roman prägt. Und unser Leben.

Sonntag, 17. November 2013

Liebessehnsucht

Liebessehnsucht, 
die Krankheit, 
die man selbst engen Freunden verschweigt, 
für die es keine mildernden Umstände gibt, 
auch kein aus dem Lateinischen abgeleitetes Wort, 
ein Krebs mit unsichtbaren Metastasen in Augen, 
die einen Blick suchen, 
Händen, die zwei andere Hände vermissen. 
Bodo Kirchhoff, die Liebe in groben Zügen, S. 429. 

Was gäbe es da zu ergänzen?
Vielleicht dies
dass dieser Krebs,
so es einer ist,
universal ist
und dem Menschen innewohnt,
ihm auferlegt wird,
ein Leben lang,
eine Sucht, vielleicht,
gegen die es garantiert
keinen erfolgreichen Entzug gibt.
Und wenn der kalte Entzug einsetzt,
wird die Sucht nur noch schmerzhafter,
unerträglicher, wir ringen nach Luft,
Freier Fall ins Nichts.
Und gäbe es eine Chemotherapie
gegen diesen Krebs,
wer wollte
dennoch
nicht
auf ihn verzichten?

Sonntag, 10. November 2013

Vom alten Lied

Lapidar daherkommend, aber ins Schwarze getroffen:
Es gibt kein modernes Unglück - es gibt nur das alte Lied
Bodo Kirchhoff

Sonntag, 3. November 2013

Von der Verzweiflung

Nicht das wahre, das gefühlte Alter, von dem alle reden, flösste ihm Grauen ein. Er würde bis zum letzten Atemzug am Leben hängen, am Sehen, am Spüren, am Haben: dass er jemanden streicheln wollte und einen Mund wie Marlies' Mund küssen, Blicke sehen wollte, die ihm galten, ihm allein, und den Sommer in seiner Fülle erleben, einmal und noch einmal und immer wieder, also eine Art Verzweiflung (...).
Bodo Kirchhoff, die Liebe in groben Zügen, S. 293

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Herbsttage

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rilke

Was bleibt
sind die Erinnerungen.
Es gilt, Abschied zu nehmen und 
allein
durch den herbstlichen Wald zu streifen, 
die unruhigen Nächte zu überleben
und 
den unabdingbaren 
Wandel zu akzeptieren. 

Von vergeblichen Versprechungen

Heute nach der Mittagspause bin ich, einmal mehr, in verschiedene Buchhandlungen gegangen, immer auf der (heimlichen?) Suche nach Literatur, die mich bewegt, berührt oder auf seltsame Weise (und sei dies nur am Rand oder bloss auch nur angedeutet) etwas mit meinem Leben zu tun hat. Zufälligerweise bin ich auf einen israelischen Autor aufmerksam geworden, Aner Shalev, und seinem Roman "dunkle Materie" (Berliner Taschenbuchverlang 2009). Nach dem Lesen der ersten 3-4 Zeilen wusste ich sofort: das muss ich lesen. Ich spüre, dass ich eine (weitere) Waffe gegen die nächtliche Schlaflosigkeit gefunden habe.

Ich weiss nicht, wie man über Traurigkeit schreibt oder über Glück. Traurigkeit oder Glück zu schildern ist wie Liebe machen ohne Decke. Aber wenn wir das gemacht haben, werde ich dir vielleicht doch einige Beschreibungen liefern (S. 57). 

Ich bin zwanzig Jahre jünger als du. Bei mir kann sich alles ändern. In einem Monat, vielleicht in einer Woche, kann ich jemanden kennenlernen. Wie kann ich versprechen, immer mit dir zusammen zu sein? Und wie kannst du ein solches Versprechen von mir fordern? Heute war ich wieder allein joggen, kam an Menschen vorbei, die zusammen joggten (...) oder ein Baby im Wagen hatten. Aber ich rannte allein. 
Kein Freund. 
Kein Hund.
Nicht mal ein Baby. 
(S. 94f).

Dienstag, 23. Juli 2013

Kitsch

Aufgeschnappt beim Lesen des heutigen NZZ-Feuilletons:
Nicht das Pathos macht den Kitsch aus, aber der Glaube an die einfache Wahrheit. 

Voll ins Schwarze getroffen.

Mittwoch, 15. Mai 2013

Noyuri und Takuya

Heute beim morgendlichen Lesen des NZZ-Feuilletons entdeckt und gleich auf die Einkaufsliste für heute spätnachmittags gesetzt. Die Autorin des besprochenen Romans als "Meisterin zurückhaltender Vertrautheit" taxiert - das darf man sich nicht entgehen lassen.

«Bestimmt will er (der Taxifahrer) unbedingt wissen, in welchem Verhältnis wir zueinander stehen›», flüsterte Takuya ihr zu. ‹Verhältnis. Ja, ob wir verheiratet sind, womöglich gerade einen Seitensprung machen oder beruflich unterwegs sind.› Das Wort Seitensprung schockierte Noyuri für einen Moment. ‹Einen Seitensprung, aha›, sagte sie. Sie war erstaunt, wie heiter ihre Stimme klang. Sie musterte Takuya. Dieser zuckte die Achseln. ‹Das Wort Seitensprung klingt irgendwie beschwingt, oder›?, sagte sie leise.»