Posts mit dem Label Goethe werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Goethe werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 12. November 2011

Versunken in Empfindungen

Brief des 16. Juni von Werther zur ersten Begegnung mit Lotte:

Wir traten ans Fenster. Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand, auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige, und sagte - Klopstock! - Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoss.

Werther musste wohl deshalb scheitern, weil die Welt nicht aus blossen Empfindungen funktioniert.

Donnerstag, 10. November 2011

....wenn wir uns selbst fehlen.....

kurz vor dem Einschlafen ruft mir Werther zu:
Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles.

Wer wollte da ernsthaft widersprechen?

Der junge Werther in uns

Mit 20 mag man sich wie Werther vollends in Gefühlen verlieren, man verliebt sich schrecklich in eine Person und schwärmt nur noch, ach, die Schmetterlinge im Bauch!

Und dann, mit 30, 40 und darüber hinaus? Legen wir unseren Werther beiseite, weil es peinlich sein könnte, ihn weiterhin auszuleben? Je älter, umso kopfgesteuerter, vernünftiger? Und das hiesse: man tastet bei einer neuen Bekanntschaft mit angezogener Handbremse ab, man wägt sorgfältig ab und glaubt, dass die Gefühle gewissermassen nachgeschoben werden, wenn wir glauben, dass das Gegenüber nach zerredeten Runden zu uns passen könnte - allenfalls und mit Vorbehalt. Was sich dahinter verbergen könnte: vielleicht die Angst, wie Werther verletzt bzw. enttäuscht zu werden. Und vielleicht auch dies: die Befürchtung, von seinem näheren Umkreis wie ertappt zu werden nach dem Motto: ach, mein Lieber, was für ein Schwärmer du doch in deinem Alter noch bist! Und dann schauen wir beschämt in den Spiegel und murmeln nur noch im Selbstgespräch: Mensch, wann wirst du erwachsen?

Ja, lieber Werther. Wie lange kann man dich ertragen?
Man könnte jetzt auch einwenden: Werther? Nein, niemals, nicht mal mit 20!
Und doch, bei allerlei Schwärmerei, die von ihm ausging: er ist mir sympathisch geblieben.

Donnerstag, 17. Juni 2010

Glücksmomente

Es braucht nicht viel, um niedergeschlagen bzw. glücklich zu sein, kleine Worte oder Zeilen können genügen, Gesten, Bemerkungen, Andeutungen. Heute geht es mir gut, ich bin zwar müde, aber das Herz freut sich, und es hat Grund dazu.

Da kommt sie und wandelt;
Ich eile so bald,
Ein singender Vogel,
Zum buschichten Wald.
Sie weilet und horchet
Und lächelt mit sich:
"Er singet so lieblich
Und singt es an mich."

(...)
Auf einmal erschein' ich,
Ein blinkender Stern.
"Was glänzet da droben,
So nah und so fern?"
Und hast du mit Staunen
Das Leuchten erblickt:
Ich lieg' dir zu Füßen,
Da bin ich beglückt!

Johann Wolfgang Goethe

Freitag, 7. Mai 2010

Dialog mit Werther

Gestern Abend habe ich mir jene Bücher angeschaut, die ich als junger Mensch gelesen habe. Im Regal bleibe ich bei den Leiden des jungen Werther stehen. Das kleine gelbe Heftchen aus dem Reclam-Verlag ist etwas vergilbt und da und dort mit Kaffee- und Rotweinflecken versehen. Ich blättere es durch, schaue mir meine damaligen Randnotizen an, die ich als Gymnasiast angebracht hatte. Ich war - hatte ich es verdrängt? - vom jungen Werther begeistert. Seine Radikalität muss mir gefallen haben, seine Kompromisslosigkeit auch. Ich muss mit ihm gelitten haben, die von mir damals angestrichenen Passagen, versehen mit Ausrufezeichen und Kommentaren wie "ja genau, so ist es!", zeigen es mir deutlich. Gleichzeitig sehe ich auch skeptische Bemerkungen, "Distanz verloren!" und ähnliches.

Werther ist Teil von mir geblieben. Ich habe ihn aber im Verlaufe meines Lebens zu bändigen vermocht, zeitweise hat er tief geschlafen in mir. Aber er ist trotzdem schlummernd da und klopft nun wieder an die Tür, gerade in der letzten Zeit muss er besonders hartnäckig sein. Der Wille, ihn den Zutritt zu meinem Leben gänzlich zu verwehren, ist da, es gelingt mir aber nicht, ihn gänzlich vor die Tür zu schmeissen. Ich sage ihm deutlich, Mensch, Werther, komm auf den Boden der Realität zurück! Er gelobt, etwas mehr Nüchternheit an den Tag zu legen. Ich lobe ihn dafür, was ihn auch beruhigt.

Aber ich ahne schon: Werther wird wohl nie ganz in sich ruhen können. Seine Rastlosigkeit ging mir zwar auch auf die Nerven, meine damaligen Notizen beweisen es, dass ich ihn schon vor über 25 Jahren dafür tadeln musste. Aber er war mir eben auch sympathisch, weil ich ihn in seiner Gefühlswelt verstehen konnte. Vermutlich werde ich mit ihm mein Leben teilen müssen, ich werde ihn aber immer wieder tadeln und disziplinieren, ich werde ihn aber auch bei der Hand nehmen und ihm ins Ohr flüstern: ist ja schon gut.