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Freitag, 1. Juli 2016

Dienstag, 31. Mai 2016

Vom Nichtgähnen beim Lesen

....demgegenüber: Max Frisch.....

Immer wieder neu zu entdecken, neu zu lesen.
Nie das Gefühl des déjà-vu, vielmehr der permanenten Neuentdeckung.
Auch bei Sätzen, die man schon gefühlte tausend Mal gelesen hat.....

aber vor allem: standhalten, dem Licht, der Freude (wie unser Kind als es sang) im Wissen, 
dass ich erlösche im Licht über Ginster, 
Asphalt und Meer, standhalten der Zeit, beziehungsweise 
Ewigkeit im Augenblick. 
Ewig sein: gewesen sein

Sonntag, 24. April 2016

Bei der Lektüre Frischs notiert

Es ist so: das eigene Leben lässt sich kaum nicht adäquat beschreiben, nur jenes von anderen. Indem ich versuche, mein eigenes Leben zu beschreiben, tappe ich zwangsläufig in die Falle des vermeintlich Objektiven und Wahren. Umso mehr ist fabulieren angesagt -Biografie, ein Spiel-, um sich der Wahrheit wenigstens anzunähern. Denn nichts dürfte realer sein als die Fiktion. 

Freitag, 24. Januar 2014

Von den Wiederholungen

Sie verhalten sich nicht zur Gegenwart, 
sondern zu einer Erinnerung. 
Sie meinen die Zukunft schon zu kennen 
durch Ihre Erfahrung. 
Drum wird es jedesmal dieselbe Geschichte.
Max Frisch

Montag, 20. Januar 2014

Frischs Berliner Journale

Der Wärter in einem Leuchtturm, der nicht mehr in Betrieb ist. Er notiert sich die durchfahrenden Schiffe, da er nicht weiss, was sonst er tun soll.
Max Frisch, Berliner Journale, S. 121

Das Berliner Tagebuch lässt sich zügig lesen: Beschreibungen aus dem Alltag, Begegnungen mit Schriftstellern aus West- und Ostberlin, Illusionen eines wenn auch nur temporären Neuanfangs ("die Euphorie, man werde jünger dank eines Wohnortwechsels, dank Klima usw., nochmals etwas jünger"), sein Kampf gegen zu viel Alkohol, seine Angst vor (intellektuellem) Kontrollverlust. Und wie immer: eine präzise Sprache, die auch das Unausgesprochene und das zwischen den Zeilen Liegende zu erfassen vermag: da ist nichts dem Zufall überlassen, auch dann nicht, wenn der Schreibfluss zu versiegen droht. 

Samstag, 1. Juni 2013

Ohne Zweifel

Ohne Zweifel, dass seine Zärtlichkeit sich auf Lynn bezieht, die junge Fremde, sein Gefühl vertauscht sie nicht mit anderen, wenn er ihren Körper küsst, bis sie ihn zu sich zieht. Ihr Haar auf seinem Gesicht, der weite und weiche Mund, ihre jetzt schmalen Augen, die plötzliche Ähnlichkeit aller Frauen im Augenblick ihrer Lust (...). Eine wird die letzte Frau sein, und ich wünsche, es sei Lynn, wir werden einen leichten und guten Abschied haben...
Max Frisch, Montauk, Suhrkamp 2011, S. 129/30

Dienstag, 23. April 2013

Stiller bleibt

Ich habe den Stiller oftmals bei mir und krame ihn hervor, wenn ich im Bus oder Zug unterwegs bin oder wenn ich gemütlich im Freibad liege (bald wieder aktuell). Wie ein Süchtiger lese ich mich immer wieder durch die Zeilen, weil sie mir jenen Stoff geben, den ich offensichtlich brauche. Zeitweise zumindest, so wie heute, an diesem sonnigen, milden Abend. Kurz vor der Zubereitung des Abendessens also noch dies (gelb markiert schon vor Jahren, und gelb wird die Stelle wohl bis zu meinem letzten Atemzug bleiben):

"Wie soll einer denn beweisen können, wer er in Wirklichkeit ist? Ich kann's nicht. Weiss ich es denn selbst, wer ich bin? Das ist die erschreckende Erkenntnis dieser Untersuchungshaft. Ich habe keine Sprache für meine Wirklichkeit" (S. 109).

Samstag, 9. Februar 2013

Was fehlt Ihnen zum Glück?

Max Frisch, Frage 23:
Was fehlt Ihnen zum Glück?

Es fällt mir schwer, die Frage präzis zu beantworten. Ohnehin wäre es eine vorläufige und situativ geprägte Antwort. Eine Antwort, die mich vielleicht schon in zwei Tagen nicht mehr restlos überzeugen würde. Ich lasse sie offen, und ich weiss sehr wohl, dass sie mich noch lange verfolgen wird - ob beantwortet oder nicht.

Montag, 7. Januar 2013

Vom Reisen

Vor dem Einschlafen gefunden und notiert:
Warum reisen wir? Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für allemal; damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei - es ist ohnehin schon wenig genug.
Max Frisch, Tagebuch 1946-1949

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Sich selber lesen

Indem man es nicht verschweigt, sondern aufschreibt, bekennt man sich zu seinem Denken, das bestenfalls für den Augenblick und für den Standort stimmt, da es sich erzeugt. Man rechnet nicht mit der Hoffnung, dass man übermorgen, wenn man das Gegenteil denkt, klüger sei. Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heisst, sich selber lesen.
Max Frisch, Tagebuch 1946-49

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Am See



Oft, während ich hier sitze, immer öfter wundert es mich, warum wir nicht einfach aufbrechen - 
Wohin?
Es genügte, wenn man den Mut hätte, jene Art von Hoffnung abzuwerfen, die nur Aufschub bedeutet, Ausrede gegenüber jeder Gegenwart, die verfängliche Hoffnung auf den Feierabend und das Wochenende, die lebenslängliche Hoffnung auf das nächste Mal, auf das Jenseits - es genügte, den hunderttausend versklavter Seelen, die jetzt an ihren Pültchen hocken, diese Art von Hoffnung auszublasen: gross wäre das Entsetzen, gross und wirklich die Verwandlung.
Max Frisch, Tagebuch 1946-49

Montag, 10. Dezember 2012

Flucht

Nun beginnen sie wieder,
diese Weihnachtsessen,
Geschäftsessen.
Und so weiter.
Heute Abend beim Geschäftsessen.
Langer Tisch.
Laut.
Weisswein und so weiter.
Kalte Platten,
dann warme Platten.
Ich bin da und plaudere mit.
So gut es geht.
Und ich spüre dennoch
die Entfremdung.
Was tue ich da eigentlich?
Spannungen im Nackenbereich machen sich bemerkbar.
Doch wesentlicher:
ich verspüre so etwas wie Einöde
und beschliesse
endlich
aufzustehen
und zu gehen.
Es tut gut.
Morgen wird es besser sein.

Und noch dies, weil es einfach passt.
Gerade jetzt.
Danke, Max Frisch:


Zu den glücklichsten Minuten, die ich kenne, gehört die Minute, wenn ich eine Gesellschaft verlassen habe, wenn ich in meinem Wagen sitze, die Türe zuschlage und das Schlüsselchen stecke, Radio andrehe, meine Zigarette anzünde mit dem Glüher, dann schalte, Fuss auf Gas. Menschen sind eine Anstrengung für mich, auch Männer.
Homo Faber, Suhrkamp 1977, S. 92

Freitag, 7. Dezember 2012

Ewigkeit im Augenblick

Von Zeit zu Zeit
und immer wieder,
so wie heute Abend,
schnuppere ich in Frischs Werk.
Und immer wieder muss ich dies hier lesen:

Auf der Welt sein: im Licht sein.
Irgendwo Esel treiben, unser Beruf!
Aber vor allem: standhalten dem Licht,
der Freude (wie unser Kind, als es sang) im Wissen,
dass ich erlösche im Licht über Ginster,
Asphalt und Meer, standhalten der Zeit,
beziehungsweise Ewigkeit im Augenblick.
Ewig sein: gewesen sein.
Max Frisch, Homo Faber, Suhrkamp 1977, S. 199

Sonntag, 12. August 2012

Und wieder ruft der Berg
















Es ist ein Tag, wie er zum Wandern kaum schöner sein kann, ein blauer und nicht allzu warmer Tag. Wie weisse Watte hängen die Wolken über dem Tal, ganz still, und in den Wiesen zirpen
die Grillen. 

Noch ist es Sommer; nur dass das Licht, das über den Feldern flimmert, schon eine goldene Milde hat, und es genügt ein einzelnes Blatt, das einmal am Wege liegt und braune Ränder hat, und man denkt an den Herbst, obgleich noch alles grün ist, obgleich die bunten Schmetterlinge flattern und das reifende Korn noch an den Hängen steht.

Max Frisch - Antwort aus der Stille, Suhrkamp 2009, S. 7

Samstag, 21. Juli 2012

Urlaub

Zeige mir, wie du Urlaub machst
und ich sage dir, wer du bist. 
***
Auf Reisen gleichen wir einem Film,
der belichtet wird.
Entwickeln wird ihn die Erinnerung.

Max Frisch
***



Je langweiliger das Leben
umso mehr das Bedürfnis
nach sun, fun and nothing to do

Sonntag, 1. April 2012

Gedankenspiele um die eigene Biografie

Zeitweise neige ich zur Manie mir zu überlegen, was ich an bestimmten Tagen vor exakt 20 oder 25 Jahren tat. So auch heute. Und ich sitze da und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Die mich seit Jahren antreibende und an sich absurde Frage, was ich denn damals - in dieser oder jener Situation - anders hätte machen sollen/können, nimmt wieder Besitz von mir. Ich will sie abschütteln, da sie mich im Endeffekt nicht weiterbringt. Und doch - das zeitweilige Reflektieren über "wie hätte es auch sein können", kann ich nicht locker beiseite legen. Auch heute nicht - wohl deshalb, weil das gedankliche Spiel um die eigene Biografie auf spielerische Weise alternative Lebensentwürfe zum Leben erweckt. Die letztlich entscheidende Frage, ob ich heute glücklicher wäre, hätte ich damals dieses oder jenes anders gemacht/gewichtet/beurteilt, bleibt dabei, natürlich, hypothetischer Natur. Und doch lockt sie mich immer wieder.

Sie hatten die Wahl, Ihre Biografie zu ändern, das wünscht man sich manchmal, und was dabei herauskommt: Variationen des Banalen. 
Max Frisch, Biografie - ein Spiel. 

Freitag, 23. März 2012

Der Papa und ich

Tatsache ist,
dass mir auch Frauen gefallen,
die altersmässig meine Töchter sein könnten.
Nun ja, es ist so.
Ich wehre mich nicht mehr dagegen.
Und ich verdränge es auch nicht mehr.
Doch bitte keine Peinlichkeiten!

Einst in einer Kneipe bei einem netten, anregenden Gespräch.
Die junge Frau erzählt sodann von ihrem Papa.
Wie der toll sei, der Papa.
Manchmal sagte sie auch Papi.
Und dann begann ich zu rechnen.
Und fragte sie wie beiläufig, wie alt denn ihr Papi sei.
Und der Papa ist in etwa gleich alt wie ich.
Da dachte ich mir: alter Sack, was willst du von dieser jungen Frau?
Nichts.
Wirklich.
Oder lüge ich mir was in die Taschen?
Sie gefiel mir einfach.
Oder vielmehr dies:
Ihr Lebensdrang, gepaart mit Naivität und intellektueller Neugier.
Diese Unbekümmertheit auch und die Aussicht,
den Lebensweg noch gänzlich, d.h. ohne Restriktionen gestalten zu können.
Auslandsjahre verbringen zu können.
Möglichkeiten ausloten,
verwerfen,
weiter suchen können.
Weil noch nicht eingebunden in einem grösseren Zwangskorsett
namens Ehe, Familie, Partnerschaft und dergleichem mehr.

Mein Wohlgefallen an dieser Frau, (...), meine Geduld aus Verständnis dafür, dass es schwer ist für sie, zum Beispiel wenn am Strand die jungen Männer gehen, meine gelassene Zuneigung auch dann, wenn ich meinerseits das eine oder andere vermisse (...)  – dieses fast bedingungslose Wohlgefallen (Dankbarkeit für ihre Gegenwart) ist ein Zeichen fortgeschrittener Senilität.
Max Frisch, Entwürfe zu einem dritten Tagebuch, S. 152f.

Samstag, 3. März 2012

Am Popkonzert

Leben ist geschichtlich, in jedem Augenblick definitiv, es duldet keine Variante
Max Frisch


Heute war ich mit meiner Tochter an einem Popkonzert. Nostalgie war angesagt, viele Eltern sind da und wollen ihren Kindern wohl zeigen, zu welcher Musik sie ihre ersten Küsse und Hormonschübe erlebten. Schon nach den ersten Takten tobt es im grossen Saal, auch ich werde von der "weisst-du-noch-damals-und-ach-war-das-schön-und-überhaupt"-Welle erfasst. Meine Tochter klatscht mit, sie kennt all diese Lieder, die ich manchmal auf der Gitarre spiele, schon zu Genüge. Menschen brauchen ganz offensichtlich den Bezug zu ihrer Geschichte. Für Momente tauchen sie ein in das damalige Jugendgefühl von vermeintlich grenzenloser Freiheit und Aufbruchstimmung. Ja, damals schienen noch viele Wege möglich, und man glaubte selbstverständlich daran, seine Träume realisieren zu können. Und nun sitze ich in diesem Konzertsaal und lasse die Vergangenheit Revue passieren, sehe  meine ersten Eskapaden, Abstürze, Hoffnungen, Wünsche, Illusionen, Gehversuche, Liebeleien, Trennungen und Neuanfänge. Sehne ich mich nach dieser (verlorenen?) Zeit bzw. nach den damit verbundenen Gefühlen? Verspüre ich gar den spielerisch-naiven Wunsch, den einen oder anderen Wendepunkt meines Lebens nachträglich anders gestalten zu wollen, wenn ich denn könnte?

Das Publikum schwelgt noch intensiver als zuvor in Nostalgie und singt zeitweise begeistert mit. Ich entziehe mich dem Spektakel nicht, im Gegenteil. Nach dem Konzert verspüre ich eine sonderbare Leere und kann mich von den Melodien des Nachmittags nicht befreien. Die Vergangenheit, ich weiss es schon lange, will nicht vergehen, und: viele Lebenssituationen sind mir durch den Kopf geschossen, und ich ertappe mich dabei zu sagen bzw. zu lamentieren: ach, hätte ich doch damals in dieser oder jener Situation anders reagiert/entschieden. Doch das Leben duldet keine Varianten.

Freitag, 2. März 2012

Blinder als blind...

Aufgeschnappt vor dem Einschlafen und dreifach unterstrichen:

Blinder als blind ist der Ängstliche 
(Max Frisch, Biedermann und die Brandstifter, Szene 2, Suhrkamp 1963, S. 32)

Dienstag, 28. Februar 2012

Wieder Gantenbein

Kurz vor dem Einschlafen aufgeschnappt:

Noch jede Frau, die er umarmt hatte, fühlte sich geliebt; jede aber, die er wirklich zu lieben begann, sagte ihm früher oder später, dass er, wie alle Männer, von Liebe keine Ahnung habe.
Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein