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Mittwoch, 5. Dezember 2012

Die letzte Station

Das sei jetzt also ihre letzte Lebensstation, sagte sie.
Sie sagte es mit fester Stimme und scheinbar
ohne auf eine Antwort zu warten.
Angst schwang mit in der Stimme.
Und dabei wissen wir sehr wohl,
dass unsere letzte Station
schon heute sein kann.
Oder morgen.
Wo wir auch sein mögen.

Mitten im Leben sind wir
vom Tod umgeben
Martin Luther


Der Tod ist gross.
Wir sind die Seinen
lachenden Mundes.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.
Rilke

Freitag, 2. November 2012

Der letzte Umzug


Völlig unsentimental und mit fester Stimme sagte mir unlängst meine Mutter, der anstehende Umzug werde für sie der letzte sein. Dann heisse es, auf den Tod zu warten. Und um diesen Schritt zu tun, muss man auch Abschied nehmen können - in mancher Hinsicht.
Derweil geht draussen ein starker Westwind, es ist mild und regnerisch. Und es riecht nach Winter, auch wenn Tauwetter angesagt ist. Manchmal verfluche ich die Vergänglichkeit und verachte den Tod als Ausdruck einer hilflosen Rebellion gegen die  Gesetze des Lebens. 

Mittwoch, 23. Mai 2012

In der mütterlichen Wohnung

Ich stelle mir vor:

Seine alte Mutter musste notfallmässig ins Spital eingeliefert werden. Wenige Tage später musste er in die mütterliche Wohnung gehen, um einige Dokumente zusammenzusuchen und Kleider für seine Mutter zu holen. Beim Betreten der Wohnung beschleicht ihn ein sonderbares Gefühl der Leere und der Angst. Seit Tagen abgestandene Luft kommt ihm entgegen und lässt ihn husten. Die Wohnung selbst ist völlig abgedunkelt, was ihn deprimiert. Nun steht er mittendrin. Sein Blick wandert durch das behaglich eingerichtete Wohnzimmer. Aufgeräumt sieht es aus, und doch herrscht eine gewisse Unordnung. Die Wohnung ist mit Möbeln überstellt, alte Rechnungen liegen herum, da und dort eine Puppe, viele Bilder. In diesem Augenblick kommt es ihm vor, als stünde die Zeit still. In der Küche liegt eine ungereinigte Pfanne herum, vermutlich hat seine Mutter kurz vor der Spitaleinlieferung noch ein Spiegelei zubereitet. Der Abfallsack sollte unbedingt entsorgt werden. Er geht zurück ins Wohnzimmer, dann ins Bad, später ins Schlafzimmer und kontrolliert, ob alles in Ordnung ist. In der Wohnung nimmt er nach wie vor keinerlei Zeitgefühl wahr, und ihm wird kalt. Oftmals war er hier zu Besuch, und nun ist sie plötzlich unbewohnt, diese Wohnung, die so sehr Sonnenlicht benötigen würde und frische Luft. Und er ahnt bzw. weiss sehr wohl, dass er irgendwann diese Wohnung wird räumen müssen. Er wird dannzumal nicht darum herum kommen, alles durchzugehen, Dokumente zu ordnen, dieses und jenes zu verpacken, anderes zu entsorgen usw. Er mag nicht an diesen Moment denken, vielmehr verspürt er das Bedürfnis, die leere Wohnung rasch wieder zu verlassen in der Hoffnung, dass sie bald wieder von ihrer  langjährigen Mieterin bewohnt wird. 

Donnerstag, 12. Januar 2012

Mit der Mutter beim Kaffee

Heute bin ich mit meiner alten Mutter Kaffee trinken gegangen. Bald wird sie 90, und ist dennoch ganz gut im Schuss. Sie hat ihre festgefahrenen Rituale, ihre Tage sind klar durchstrukturiert, obwohl -oder vielleicht gerade deswegen- sie nicht in einem Altersheim wohnt, sondern immer noch zu Hause. Morgens immer dasselbe Kaffeehaus aufsuchen, dann immer derselbe Weg durch die Innenstadt, das Einkaufen, dann der städtische Bus. Sie geht immer nach derselben Zeit ausser Haus, und kommt immer zur gleichen Zeit nach Hause, abgesehen von geplanten Abweichungen von der Regel. Und die Momente der Einsamkeit, natürlich, auch die kommen und gehen, je nach Tageszeit und Tagesform.

Da hab ich mich gefragt, ob dieses Leben, das sie führt, ein durchaus angenehmes Leben ist. Sie hat keine Aufregungen mehr zu verzeichnen, keine Kämpfe zu führen, keine Liebeleien zu erdulden, sie steht auf, geht in die Stadt, immer das Gleiche, kommt nach Hause, beginnt mit dem Kochen des Mittagessens, jede Handbewegung ist internalisiert, dann aufräumen etc. etc. etc. Und abends gibts am TV einen Krimi. Und dann hat sie Angst, jemand sei in der Wohnung. Auch dies: immer nach demselben Muster.

Irgendwann werde ich wohl auch so leben.
Wenn ich denn überhaupt so lange leben werde.
Doch ich hüte mich vor voreiligen Schlüssen:
meine Mutter lebt - und so lange sie lebt, lebt sie, ganz nach ihren Überzeugungen und Ritualen.
Sie hat keinen Grund, sich zu beklagen.
Ob ich an ihrer Stelle einen hätte?

Samstag, 3. September 2011

Rituale

Meiner alten Mutter fehlen gerade am Samstagmorgen die kleinen Rituale "von damals".

Damals, als mein Vater noch lebte.

Damals, am Samstagmorgen in der Stadt, wie sie mit meinem Vater auf den Markt ging, um Obst und Gemüse einzukaufen, Käse oder Fleisch. Dann, in der Konditorei um die Ecke, gabs Frühstück mit herrlich duftendem Kaffee.

Rituale sind in ihrer Authentizität und Einmaligkeit nicht zu ersetzen, vor allem dann nicht, wenn sie über eine lange Zeit mit einem bestimmten Menschen eng verbunden sind. Es ist halt nicht dasselbe, wenn meine Mutter dieselbe Runde nun mit einer Kollegin dreht.

Gelebte Rituale können beruhigen.
Ausbleibende Rituale können traurig machen. Vermutlich auch jetzt, an diesem schönen Samstagmorgen.

Sonntag, 31. Juli 2011

Verhaltensmuster aus der Kindheit

Wenn ich mich bedrängt fühle, namentlich von Frauen, reagiere ich mit harscher Abwehr. Was ich definitiv nicht ausstehen kann sind Ultimaten im Sinne etwa von: bis dann und dann möchte ich dies oder das von dir, oder: bis dann hast du dich entschieden. Dann schalte ich auf stur, ja breche unter Umständen den Kontakt zu der mich bedrängenden Person ab. Ich bin darauf gekommen, dass dies etwas mit der zumindest streckenweise unbewältigten Beziehung zu meiner Mutter zu tun haben muss. Vermeintlich längst vergessene (und in der Tat bloss verdrängte) Erlebnisse aus der frühen Kindheit bzw. Jugend scheinen mich zu belasten bzw. lösen gewisse Verhaltensmuster in mir aus. Ich brauchte verdammt lang, um dies zu durchschauen.

Mittwoch, 29. Juni 2011

Einsichten einer alten Frau

Meine alte Mutter sagte mir heute morgen beim Café in einer Konditorei der Stadt, dass sie es bereue, damals meinen Vater nicht verlassen zu haben, um Hans -ich nenne ihn einmal so- zu heiraten. Hans, der auch verheiratet war, habe ihr mehrere Heiratsanträge gemacht. Ja, sie bereue ihren damaligen Entscheid bzw. Nichtentscheid, das sei ihr in der letzen Zeit bewusst geworden. Hans, das war ihr damaliger Freund? Liebhaber? Kumpane? Seelenverwandter? Ich weiss es nicht, persönlich war ich ihm nie begegnet, aber sie erzählte immer wieder von ihm, von seiner Grosszügigkeit, seiner Herzenswärme und Galanterie. Mein Vater wusste, dass es diesen Hans gab, und er hatte gegen diese Beziehung nichts einzuwenden.

Vater und Mutter verstanden sich gut, trotz der Präsenz von Hans im Leben meiner Mutter. Oder vielleicht gerade deswegen?

Ich glaube, dass viele Menschen gegen Ende ihres Lebens tatsächlich das bereuen, was sie nicht begangen/gewagt/ausgelebt haben. Meine Mutter jedenfalls bereut nichts, was sie aktiv getan hat, aber sie trauert offenbar dem nach, was sie nicht getan hat, was sie ausgelassen hat, aus welchen Gründen auch immer.

Nicht gelebtes Leben ist verlorenes Leben. Auch ich habe einige Anteile an nicht gelebtem Leben in mir, aus welchen Gründen auch immer.

Am Grabe der meisten Menschen
trauert tief verschleiert
ihr ungelebtes Leben.

Oskar Jellinek

Samstag, 19. Juni 2010

Akzeptanz

Ich bin heute mit meiner Mutter essen gegangen. Sie ist mürrisch geworden, unzufrieden, nichts ist ihr gut genug. Ja, meine Mutter ist eine unangenehme Person geworden, vermutlich hat es mit dem Alter zu tun. Sie ist in einem gewissen Sinn wohl "altersfrustriert". Dabei könnte sie zufriedener sein, wer kann schon mit 86 noch in der eigenen Wohnung leben, praktisch ohne externe Hilfe? Sie ist gut zu Fuss unterwegs, ist grundsätzlich gesund, hat kaum Altersbeschwerden. Und heute erzählt sie mir, sie sei vermehrt mit ihrem ersten Ehemann unterwegs, nachdem dessen Frau vor kurzem gestorben ist.

Ich musste schmunzeln: vor 60 Jahren waren die beiden ein Paar, haben sich aber bald darauf scheiden lassen, und nun treffen sie sich wieder, mal auf einen Kaffee, mal auf ein Glas Wein. Aber sie wolle nicht zu ihm ziehen, und gemeinsame Ferien seien auch kein Thema, und wenn doch, wolle sie auf ihr eigenes Hotelzimmer bestehen. Ich höre amüsiert zu, während ich meine Pasta esse.

***
Sonst werde ich heute Samstag nichts Spektakuläres unternehmen. Ich lese, höre Musik, nehme ab und zu die Gitarre hervor und klimpere darauf herum, und heute Abend werde ich es mir ganz gemütlich machen und einen Krimi gucken.
Heute morgen hatte ich ein längeres Telefonat mit meiner Seelenverwandten, die ich so sehr liebe. Ich geniesse es, mich mit ihr auszutauschen; nur schon bloss ihre Stimme zu hören, macht mich glücklich. Gleichzeitig habe ich aufgehört, mich mit an sich sinnlosen Fragen ("wohin führt die Reise, was wird in einem Monat sein, in einem Jahr" etc) zu plagen, d.h. ganz konkret, dass ich meine Gefühle zu A. bewusst zulasse, doch gleichzeitig keine Erwartungen an sie habe - ohnehin weiss sie, wo ich stehe. Das scheint mir ganz wichtig, ja zentral zu sein. Vor allem möchte ich aufhören, das "Schicksal" beklagen zu wollen (sonst tappe ich in die unproduktive Falle des Selbstmitleids). Namentlich kann ich die Rahmenbedingungen anderer Menschen nicht ändern (das machen sie selbst, wenn sie es denn auch tun wollen), und was nicht in meiner Macht steht zu ändern, will ich akzeptieren, weil alles andere mich nur verrückt macht und letztlich ohnehin eine groteske Anmassung wäre. Wenn ich aus innerer Überzeugung heraus zu dieser Einstellung gelange, geht es mir besser, wesentlich besser, ich merke, dass ein innerer Druck mich loslässt. Ich muss schon froh sein, dass ich all dies, was ich wirklich beeinflussen kann, erkenne und danach auch handle. Eine solche Lebenseinstellung wird meine innere Unruhe zu besänftigen wissen, doch ich bin nicht naiv zu glauben, dass sich dies von heute auf morgen einstellt: Rückschläge sind denkbar und wahrscheinlich. Aber die Einsicht und der Wille, effektiv danach zu leben, sind da - immerhin.