Es kommt vor, dass ich einfach einschlafe, die Zeitung auf dem Knie (...). Ich reisse mich zusammen, wozu? Dann stehe ich einfach da, Gin im Glas, den ich nicht mag, und trinke, ich stehe, um keine Schritte zu hören in meiner Wohnung, die doch nur meine eigenen sind. Alles ist nicht tragisch, nur mühsam. Man kann sich nicht selbst Gutnacht sagen - ist das ein Grund zum Heiraten?
Max Frisch, in: Homo Faber, Suhrkamp 1977, S. 92-93.
Heute war ein mühsamer Tag. Da hilft spätnachmittags joggen, dann nach Hause kommen, duschen, etwas Kleines essen (Spiegeleier, Früchte, Brot). Und dann? Ich geniesse die Ruhe in der Wohnung, den Blick auf die Stadt und auf den Wald, die Berge im Hintergrund. Ich kann mir mittlerweile nicht mehr vorstellen, ständig mit einer Frau unter demselben Dach zusammen zu leben (jetzt mal abgesehen von Konstellationen, die es wohl nur in der Phantasie gibt). Ich brauche Raum, ich muss atmen können, habe meine Ordnung, meinen Rhythmus, meine Musik, meine Ruhe- und meine Unruhephasen. Konflikte wären da vorprogrammiert. Ohnehin ertrage ich keine permanente Nähe, die Vorstellung löst in mir panische Fluchtgedanken aus.
Anders gesagt:
Nähe will auch Distanz,
ein Doppelbett muss zeitweise bloss von einer Person belegt werden können,
die eine Zahnbürste will morgens und abends nicht immer benützt werden,
der grosse Tisch im Esszimmer muss auch mal leer wirken können,
man soll auch alleine ein Wochenende verbringen dürfen (und können!),
ebenso Ferien,
man darf auch einen eigenen Bekanntenkreis pflegen,
andere Beziehungen auch (nicht mit Polygamie zu verwechseln).
Ohnehin:
Wenn zwei Menschen zusammenkommen, die sich auf einer ganz spezifischen Wellenlänge verstehen, brauchen sie das Konstrukt permanenter Nähe ohnehin nicht.
Weil sie so oder so ständig miteinander in Verbindung sind und bleiben.
