Donnerstag, 12. Januar 2012

Gute-Nacht-Lied

Notiert:
dichter Nebel, kalt.
Ich lümmle in der Wohnung umher.
Bilanz des heutigen Abends: durchzogen.
Lese da und dort - unkonzentriert.
Ja ja, genau: déjà-vu.

Mit der Mutter beim Kaffee

Heute bin ich mit meiner alten Mutter Kaffee trinken gegangen. Bald wird sie 90, und ist dennoch ganz gut im Schuss. Sie hat ihre festgefahrenen Rituale, ihre Tage sind klar durchstrukturiert, obwohl -oder vielleicht gerade deswegen- sie nicht in einem Altersheim wohnt, sondern immer noch zu Hause. Morgens immer dasselbe Kaffeehaus aufsuchen, dann immer derselbe Weg durch die Innenstadt, das Einkaufen, dann der städtische Bus. Sie geht immer nach derselben Zeit ausser Haus, und kommt immer zur gleichen Zeit nach Hause, abgesehen von geplanten Abweichungen von der Regel. Und die Momente der Einsamkeit, natürlich, auch die kommen und gehen, je nach Tageszeit und Tagesform.

Da hab ich mich gefragt, ob dieses Leben, das sie führt, ein durchaus angenehmes Leben ist. Sie hat keine Aufregungen mehr zu verzeichnen, keine Kämpfe zu führen, keine Liebeleien zu erdulden, sie steht auf, geht in die Stadt, immer das Gleiche, kommt nach Hause, beginnt mit dem Kochen des Mittagessens, jede Handbewegung ist internalisiert, dann aufräumen etc. etc. etc. Und abends gibts am TV einen Krimi. Und dann hat sie Angst, jemand sei in der Wohnung. Auch dies: immer nach demselben Muster.

Irgendwann werde ich wohl auch so leben.
Wenn ich denn überhaupt so lange leben werde.
Doch ich hüte mich vor voreiligen Schlüssen:
meine Mutter lebt - und so lange sie lebt, lebt sie, ganz nach ihren Überzeugungen und Ritualen.
Sie hat keinen Grund, sich zu beklagen.
Ob ich an ihrer Stelle einen hätte?

Mittwoch, 11. Januar 2012

Gute-Nacht-Lied

Weil es einfach gerade passt zu meiner aktuellen Laune

Vom Bügeln

Das eherne Gesetz der Akkumulation, von dem Marx sprach, erlebe ich vor allem beim Betrachten des Wäschekorbs. Von Woche zu Woche türmt sich immer mehr Wäsche auf, die darauf wartet, endlich gebügelt zu werden. Nur mit Schwierigkeiten kann ich mich nach langem Hinauszögern dazu aufraffen, mich endlich dieser herkulischen Aufgabe zu stellen und damit zu beginnen, Kleidungsstück um Kleidungsstück einwandfrei zu bügeln. Dazu gucke ich in die Röhre und lass mich von alten Derrick-Serien berieseln. Der Alltag kann manchmal sehr lange sein und irgendwie trostlos. 

Abends auf dem Nachhauseweg

Nach der Arbeit gehe ich meistens zu Fuss nach Hause. Oftmals, wenn ich dann im abendlichen Strassenverkehr stehe und unter der Strassenlampe beim Fussgängerstreifen warte, bis ich die Strasse überqueren kann, verspüre ich so etwas wie existenzieller Ekel. Einsamkeit ergreift mich, auch wenn ich mit Kollegen unterwegs bin - darum geht es nicht.

Es ist vielmehr eine tief in mir schlummernde Einsamkeit, die sich in jenem Moment bemerkbar macht. Dieses Gefühl habe ich nur in Städten, in den Bergen passiert mir das nicht. Vermutlich deshalb, weil Berge erden und unumstösslich sind. Unerschütterlich stehen sie da und trotzen der Zeit. Abendlicher Strassenverkehr erinnert mich demgegenüber an die absolute Vergänglichkeit und permanente Rastlosigkeit. 

Montag, 9. Januar 2012

Liebe strömen lassen

Ich dachte, ich könnte Abschied nehmen.
Doch intuitiv wusste ich, dass ich es nicht kann.
Mehr noch: dass ich es auch gar nicht will.
Zu viel an Energie, zu viel an zärtlichen Gefühlen
und Vertrautheit,
als ich dies ad acta legen könnte.
Bin ich traurig?
Ich werde gleich den Geschirrspüler leeren,
den Stubbe vom Samstag reinziehen
und bald schlafen gehen.


Nicht mehr über
Beziehungen sprechen
Sondern Liebe
Strömen lassen
Den Hals
Mal wirklich
Hinhalten

Kersten Flenter

Samstag, 7. Januar 2012

In der Kälte

Leichter Schneefall.
Kalt.
Kinder toben sich aus.
Ich sehe mich als Kind
wie es damals spielte
so wie jetzt diese Kinder.
Unbekümmert sein.
Frei von Sorgen sein, noch.
Ich spüre die feinen Schneeflocken auf meinem Gesicht.
Tiefes Durchatmen.
Ich liebe die Kälte
weil
man sich später umso besser aufwärmen kann.
Schneeballschlacht mit kichernden Mädchen.
Unbekümmert sein
für einen kleinen Augenblick.

Doch nun
kalte Füsse, kalte Hände.
Warmes Herz und trotzdem nackt.
Zeit einzukehren.
Es schneit immer noch.

Freitag, 6. Januar 2012

Schlaflos

Gestern Nacht
0430 Uhr
hellwach
wiederum aussichtsloser Kampf
gegen die Schlaflosigkeit.
Im Durcheinandertal.
Wandere da und dort durch meine Gedanken.
Aufstehen mochte ich nicht (mein Fehler)
stattdessen: sich hin und her wälzen
dem Wind zuhören, wie er an die Lamellenstoren rüttelt.
Lichtblicke um 0525 Uhr: frischer Kaffee von Nespresso,
dazu ein Rondo von Mozart.
Später schlafe ich doch noch ein.
0700 Uhr, Morgennachrichten.
Was geht mich Herr Wulff an?
Und man vernimmt ferner von einer Selbstverbrennung in Tunesien.
Aus Protest, vom Arbeitsminister nicht empfangen worden zu sein.
Kein guter Start in den Tag.

Donnerstag, 5. Januar 2012

Auf der Suche nach der Gegenwart

Heute habe ich versucht, jede Handlung, jede Handbewegung, jeden Atemzug ganz bewusst zu tun. Ich versuchte, möglichst viel aus meiner unmittelbaren Nähe aufzunehmen, dem alten Mann zuzuschauen, wie er im Supermarkt ratlos vor den vielen Gurkengläsern steht und sich nicht entscheiden kann, oder der Verkäuferin, wie sie seelenruhig die Kasse bedient und sich ob der langen Warteschlange nicht aus der Ruhe bringen lässt. Wenn es mir gelingt, ganz im Jetzt zu sein, werde ich ruhiger, nehme meinen Atem bewusst wahr und freue mich später, als ich den auf mich niederprasselnden Regen spüre. Nach dem Abendessen spiele ich eine ganze Stunde Karten mit meiner Tochter.

Doch nein, es gelingt mir nicht, die Erinnerungen gänzlich ruhen zu lassen, sie sind da, wie die Spielkarten da sind oder der Esstisch. Gegenwart als entwickelte Vergangenheit. 

Mittwoch, 4. Januar 2012

Den Berg runterdonnern

Heute Abend verspüre ich eine tiefe Müdigkeit, die umfassend ist. Ich werde mich gottlob ins Wochenende flüchten und bald den Berg runterdonnern und später den Kirsch runterspülen können.
Und ich werde versuchen, nicht dauernd an dich denken zu müssen.

Doch wer behauptet, ich hätte geweint, der lügt sich was in die Tasche
Wolf Biermann

Lebenskompromiss und Lebenslüge


Mit der Amputation allein ist die Wurzel eines Problems noch nicht gelöst, sprich: ist die Radikalität der Problemlösung noch nicht konsequent zu Ende gedacht. Was nützt es einem starken Raucher, dass man ihm sein Raucherbein amputiert und er doch nicht mit dem Rauchen aufhören kann?

So ist es auch mit der Liebe. Wenn man, salopp gesagt, „den falschen Menschen“ liebt, falsch deshalb, weil er bereits „besetzt“ ist: kann man in einer solchen Situation die Begegnung als solche leugnen bzw. abbrechen und darauf hoffen, das Problem sei damit gelöst? Löse ich es tatsächlich dadurch, dass ich jenen Menschen einfach nicht mehr sehe bzw. ignoriere und so tue, als existiere er nicht (mehr) in meinem Leben, getreu dem Motto: aus den Augen, aus dem Sinn? Kann ich, nachdem ich mit jenem Menschen gebrochen habe, meiner Frau anders begegnen und ihr jubelnd und mit einem bunten Blumenstrauss in der Hand zurufen: ach meine Liebe, wie liebe ich dich doch!

Ich nenne dies reine Symptombekämpfung, weil dadurch das Problem nicht an der Wurzel gepackt wird, und das hiesse: zu problematisieren, weshalb ich meine Frau oder meinen Mann nicht mehr liebe. Dies wäre die ehrliche, radikale Frage, die ich zunächst einmal im stillen Kämmerlein für mich zu beantworten hätte. Der nächste Schritt wäre, mit meiner Frau offen darüber zu sprechen und auszuloten, weshalb dies so ist, weshalb es dazu gekommen ist, was mir fehlt bzw. auch was ihr fehlt, was meine Sehnsüchte sind und weshalb sie diese nicht (hinreichend) erfüllen kann. Daraus resultierte der logische Folgeschritt: was, wenn überhaupt, können wir gemeinsam tun, um die Partnerschaft zu retten?

Oder anders gesagt: ich lege meine Lebenslüge ab und versuche, in der Wahrheit zu leben.

Aber oftmals gehen wir nicht so weit. Wir klemmen ab und wägen sorgsam ab, einem Richter gleich, der eine Güterabwägung vornimmt. Stecken den Kopf in den Sand und denken: schwamm darüber, ich arrangiere mich in meinem Lebenskompromiss (huch, ich fühle mich am Rande auch ertappt). oder sollte ich eher sagen: in meiner Lebenslüge? Nun ja, das ist durchaus eine mögliche Haltung, die ich nicht verurteile, weil auch ich kein Held bin und radikale Veränderungen in meinem Leben nicht unbedingt suche oder schätze. Oder weil ich Angst habe vor tatsächlich oder vermeintlich unangenehmen Konsequenzen, die da wären: Scheidung, Trennung, finanzielle Einbussen, und ja ja, mein guter Ruf könnte ja leiden!! Ich kenne auf Anhieb mindestens drei Paare aus meiner nächsten Umgebung, die so leben. Die sich nicht mehr viel zu sagen haben, die sich zwar gegenseitig durchaus unterstützen, der eine kocht, der andere wäscht ab, nun ja, man tut, was man kann, und abends ist man zusammen (zuerst zur Tagesschau, dann zu einem netten Spielfilm) und ist es doch nicht, und das Thema Sexualität will ich hier in diesem Kontext schon gar nicht thematisieren.

Als zeitweiliger Zauderer kenne ich den vermeintlich bequemen Weg des Lebenskompromisses. Doch weil ich diesen Weg kenne, weiss ich auch, wohin er früher oder später führen wird und zu welchem Preis er aufrecht zu erhalten ist. 

Montag, 2. Januar 2012

Sexquote
























Beinahe 20% der Befragten hatten in einem Zeitraum von vier Wochen keinen Sex.
Und weit über die Hälfte (57%) hatte innerhalb eines Monats maximal nur einmal pro Woche Sex.

Die Häufigkeit sagt ja bekanntlich noch nichts aus über die Qualität. Und auch im Sexleben gilt: weniger kann auch mehr sein, keine Frage, und: viel Sex ist nicht gleichzusetzen mit gutem Sex, oh Nein. Dieser zentrale Aspekt wird in der oben wiedergegebenen Umfrage nicht thematisiert.

Aber ich denke schon, dass auf quantitativer Ebene der gute alte Luther recht hatte: zweimal pro Woche Sex, ich erlaube zu ergänzen bzw. zu präzisieren, guter Sex, und dies über eine möglicht lange Zeitperiode, wäre als Zielgrösse eine schöne, ja geradezu himmlische Quote, die anzustreben bleibt.

Guter Sex hat man dann, wenn frivole Leidenschaft im Spiel ist.
Und grenzenlose Lust aufeinander, bei der es keine Schere im Kopf gibt.
Wenn die Begegnung nicht nur auf körperlicher, sondern auch auf geistig-emotionaler Ebene stattfindet, bei der sich selbst die Seelen begegnen.

Nun ja, davon bin ich weit entfernt.
Meine Vorsätze fürs 2012 sind bescheidener ausgefallen.